60-Sekunden-Notfallplan

Du liebst dein Kind. Und trotzdem hörst du dich schreien?

Lerne 3 Schritt kennen, die dich stoppen.

Im Alltag sofort anwendbar. Ohne langes Üben.

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Dein Notfall-Trick für den Moment, bevor du laut wirst

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Dein Notfall-Trick für den Moment, bevor du laut wirst

Die Milch kippt um.
Läuft über den Teller. Tropft auf den Boden. Dein Kind schaut dich an, mit diesem Blick.
Und in dir baut sich in Sekundenbruchteilen etwas auf, das du nicht mehr aufhalten kannst.

„Kannst du nicht aufpassen?!“

Es ist raus, bevor du nachdenken konntest. Und dann kommt das, was danach immer kommt. Die Stille im Raum. Der erschrockene Blick deines Kindes. Und in dir: dieses vertraute, schwere Gefühl.

Scham. Schon wieder.

Du kennst das. Vielleicht denkst du in solchen Momenten: Was ist los mit mir? Warum schaffe ich es nicht, einfach ruhig zu bleiben? Andere Mütter wirken so gelassen. Ich nicht.
Du bist nicht kaputt. Dein Nervensystem hat in dem Moment einfach das getan, wofür es gebaut ist: dich zu schützen. Nur eben mit den falschen Mitteln, zur falschen Zeit.

Lies weiter und ich verrate dir, wie du dein Nervensystem austricksen kannst.

Gestatten, mein Flohzirkus

Ich kenne dieses Gefühl gut. Diesen Moment, in dem etwas in mir kippt, bevor ich überhaupt entscheiden konnte, dass ich nicht laut werden will.

In einem Seminar habe ich mal gelernt, wie absurd schwer es eigentlich ist, die eigenen Gedanken zu kontrollieren. Wir sollten zehn Minuten lang einfach nur sitzen und unsere Umgebung betrachten. Nichts weiter.

Klingt easy. War es aber nicht.

Mein Blick wanderte zum Flipchart. Darauf waren die Notizen der letzten beiden Stunden in etwas eigenwilliger Handschrift festgehalten. Einige Worte konnte ich nur entziffern, weil ich dabei war, als sie aufgeschrieben wurden. 

Hätte sich der Seminarleiter ruhig etwas mehr Mühe mit der Handschrift geben können, echt eine Sauklaue… 

Mein Blick wanderte weiter nach unten. Ein rollbares Flipchart, die Kanten des Fahrgestells waren schon ziemlich angestoßen und mit vielen schwarzen Strichen überzogen. 

Vielleicht der Abrieb von Fußsohlen?
Bekommt man das wieder sauber?
Krass, wie abgenutzt es aussieht, war mir vorher gar nicht aufgefallen.
Total pingelig darauf achten, dass keine farbigen Getränke mit in den Raum genommen werden (der gute Teppich!), aber dann so was…

An diesem Seminartag habe ich eindrücklich gelernt: Die eigenen Gedanken zu kontrollieren ist anstrengender, als einen Sack voll Flöhe zu hüten. Sobald ich mich um einen kümmere,  stehen schon zwei-drei weitere in den Startlöchern. Sie springen ständig durch die Gegend, und zeigen sich dabei nicht immer von ihrer schönsten Seite. Da tauchen Bewertungen auf, voreilige Schlüsse werden gezogen und die sind dann gerne mal das Fundament für die nächsten Gedanken.

Seitdem spreche ich liebevoll von meinem Flohzirkus, wenn es in meinem Kopf mal wieder rund geht. 

Allein mit mentaler Kraft gegen die Flohartisten anzugehen, bringt nach meiner Erfahrung überhaupt nichts. Das liegt zum einen am Prinzip der Reaktanz; Druck erzeugt Gegendruck. Das kennst du vielleicht von deinem Kind. Bei mir selbst funktioniert es genauso.

An ruhigen Tagen kann ich die Vorstellung, die mir geboten wird, interessiert beobachten. Dann lasse ich meine Gedanken einfach ziehen, wie Wolken am Himmel. Aber das ist Übung für Fortgeschrittene, und an einem Tag, an dem die Milch gerade umgekippt ist, bin ich selten fortgeschritten. Da ist mein Flohzirkus längst in voller Aufstellung, bevor ich auch nur einmal durchatmen konnte.

Was mir in solchen Momenten tatsächlich hilft, ist etwas anderes.

Was JETZT hilft, wenn du gleich explodierst

Wenn ich gestresst bin und der Flohzirkus die Manege betritt, dann bin ich nicht in der Lage, meine Gedanken einfach zu beobachten. und mit innerer Gelassenheit weiterziehen zu lassen. Das einzige, was mir hier hilft, ist sprechen. Und zwar nicht einfach das nachplappern, was ich gerade denke, sondern das beschreiben, was ich wahrnehme.

Am einfachsten geht das mit dem, was ich sehe. Indem ich laut (oder leise) ausspreche, was ich sehe, beruhigt sich meine Flohartistengruppe. 

Warum? Weil mein Gehirn nicht mehr im Stand-by-Modus ist, sondern eine konkrete Aufgabe bekommt. Es muss visuelle Reize verarbeiten, passende Worte finden, sie aussprechen. Meine Aufmerksamkeit ist gezielt auf das gerichtet, was ich sehe. Für den Flohzirkus bleibt schlicht keine Kapazität mehr.

Klingt viel zu einfach, oder? Aber probiere es aus, bevor du urteilst.

Sag, was du siehst.

Nicht, was du denkst. Sondern nur, was du mit deinen Augen wahrnimmst.

„Die Milch ist umgekippt.“

Das war’s. Das ist der ganze Trick.

Warum das funktioniert

Unter Stress wird unser limbisches System aktiviert. Wir bereiten uns auf Kampf und Flucht vor und sind somit weniger gut darin, gut durchdachte Entscheidungen zu treffen. Kurzschlussreaktionen sind dann eher an der Tagesordnung. 

Wenn wir aber aussprechen, was wir wahrnehmen, dann unterstützt es unser Sicherheitsgefühl. Das Großhirn (mit präfrontalen Kortex) übernimmt wieder und meldet an das limbische System zurück: Alles unter Kontrolle, kannst einen Gang zurückschalten.

Noch etwas passiert. Sobald wir eine Situation beschreiben, die anders ist, als wir es uns wünschen, wechselt das Gehirn in den Lösungsmodus. Aus „Ist das gefährlich für mich?“ wird „Wie kann ich das lösen?“ 

Und wenn all das nicht nur ein Selbstgespräch ist, sondern andere Menschen zuhören, passiert in ihren Köpfen etwas sehr ähnliches. Probier es aus. Ich bin ziemlich sicher, dass du es auch erleben wirst.

Zurück zur Milch

„Die Milch ist umgekippt. Wir brauchen einen Lappen.“

Das ist kein Schönreden. Es ist eine Einladung, an dein eigenes Gehirn und an dein Kind, aus dem Reaktionsmodus rauszutreten.

Reicht dir das noch nicht, um ruhiger zu werden, kannst du weitermachen. Genauer beschreiben, was du siehst.

„Die Milch ist umgekippt. Sie ist auch auf den Teller gelaufen. Das Brot ist nass geworden. Gleich tropft es auf den Boden. Wir brauchen einen Lappen.“

Merkst du den Unterschied zu „Kannst du nicht aufpassen?!“?
Keine Bewertung. Keine Anklage. Nur das, was ist.

Und wenn du sprichst, passiert auch bei deinem Kind etwas Ähnliches. Es hört, worum es geht. Auf der Sachebene, nicht auf der Beziehungsebene, auf der „Du bist schuld“ mitschwingt. Es bekommt die Chance, sich zu der Situation zu verhalten, statt sich gegen einen Vorwurf zu verteidigen.

Was dieser Trick kann. Und was nicht.

Ich will ehrlich mit dir sein.

Das Benennen bringt dich aus alten Mustern raus. Es kauft dir einen Moment. Einen Atemzug mehr, bevor du reagierst statt explodierst.

Was es nicht tut: dir erklären, warum du an diesem Punkt so schnell kippst. Warum die Milch, der Streit ums Schuhe-Anziehen oder der dritte „Nein“-Moment am Tag dich so viel schneller aus der Bahn wirft, als du es dir wünschst.

Muster zu erkennen ist eine andere Baustelle. Die Baustelle deines Nervensystems, das gelernt hat, schneller in Alarm zu gehen, als dir lieb ist.

Aber für den nächsten Moment, in dem die Milch umkippt, dafür reicht es.

Für den nächsten Moment

Damit du diesen Trick nicht erst suchen musst, wenn du ihn schon brauchst, hab ich dir den 60-Sekunden-Notfallplan gebastelt. Drei Schritte, die du dir helfen, im nächsten Moment nicht aus der Haut zu fahren.

Ich verrate dir was: Mein Flohzirkus tritt immer noch auf. Jeden Tag, manchmal mehrfach.
Aber dank des Notfallplans habe ich einen Moment, bevor ich reagiere. 

Und das reicht fürs Erste. 

Wer schreibt hier?

  • Profilbild von Ulrike Wolf

    begleitet Mütter dabei, aus dem Dauerstress des Alltags auszusteigen, ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und echte Verbundenheit im Familienleben zu schaffen. Dabei greift sie auf eigene Erfahrungen als Mutter zweier Kinder, fundierte Coaching-Methoden und ihr Wissen zur Nervensystemregulation zurück.

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