Dieser Beitrag ist im Rahmen von Silke Geissens Blogparade „Einen Scheiß muss ich!“ entstanden.
Vor einiger Zeit hatte ich ein Zoom-Gespräch, das beinahe gar nicht zustande gekommen wäre, obwohl wir uns beide pünktlich einwählten. Der Grund: Ich hatte das Pop-up übersehen, das mir mitteilte, dass meine Gesprächspartnerin im Warteraum auf Einlass wartete.
Mein Missgeschick erklärend, sagte ich: „Ich darf noch lernen, auf diese Benachrichtigungen zu achten.“
Sie war etwas verwundert über diese Formulierung und fragte, ob das so üblich sei bei Coaches.
Vielleicht. Kann schon sein. Auf jeden Fall hat ihre Frage bei mir direkt ein kleines Synapsen-Feuerwerk gezündet. Denn zu unseren Modalverben, insbesondere dem Müssen, habe ich eine ganz spezielle Beziehung.
Warum das kleine Wort so viel Druck macht
Müssen klingt häufig harmlos, vor allem, wenn wir es so daher sagen („Ich muss mal wieder zum Frisör.” oder „Ich muss noch aufräumen, bevor der Besuch kommt.”). Ist es aber nicht.
Wer „ich muss“ sagt, beraubt sich der Alternativen. Entscheidungen werden nicht mehr aus der Situation heraus getroffen, es regieren nur noch die Umstände. Und wir erleben Druck und Zwang. Und genau das ist das Problem daran: Müssen macht uns ohnmächtig. Es nimmt uns die Möglichkeit, etwas gestalten zu können.
Mir ist wichtig, dass Menschen sich selbstwirksam erleben. Mich eingeschlossen. Und das gelingt aus meiner Erfahrung nicht über Druck und Müssen. Sondern über Wollen und Dürfen.
Was, wenn du gar nicht musst?
Schauen wir also mal genauer hin: Was müssen wir wirklich? Was ist unausweichlich? Der Tod, der irgendwann auf uns wartet. Ein paar biologische Prozesse: atmen, sich entleeren. Vielleicht auch essen und trinken, obwohl uns Menschen im Hungerstreik das Gegenteil beweisen.
Das war’s dann aber auch schon.
Und trotzdem sagen wir „müssen“ zigmal am Tag.
Woher das Müssen wirklich kommt
Meistens ist das, was wir zu müssen glauben, gar keine äußere Zwangslage. Sondern die Konsequenz aus einer Entscheidung, die wir (vielleicht auch lange vorher)l frei getroffen haben.
Ich will mit dem Bus in die Stadt fahren, also muss ich mir wohl eine Fahrkarte kaufen. Zumindest, wenn mir wichtig ist, ehrlich zu sein. Oder auch, wenn ich kein Bußgeld zahlen will, falls ich in eine Fahrkartenkontrolle geraten sollte.
Aber mit dem Bus in die Stadt zu fahren, war meine Entscheidung. Der Fahrkartenkauf ist nur die Konsequenz.
Ein anderes Beispiel ist mein „Die-Hecke-muss-weg“-Projekt aus dem letzten Jahr. Während ich über Wochen Thuja um Thuja ausbuddelte, ergaben sich immer wieder Gespräche am Grundstücksrand. Und ab und zu kamen Fragen wie: „Müssen Sie das alles alleine machen?“
„Ähm, nein. Ich will das machen.“
Und auch in meinem Corporate-Job fällt mir immer wieder auf, wie viele Menschen die ganze Zeit müssen. Besonders zuverlässig höre ich das in unserer Teamrunde: „Ich muss morgen ein Quality Gate machen. Danach müssen meine Kollegin und ich noch den CAPA-Status-Report erstellen und an den Kunden schicken. Und am Freitag muss ich die Intro für die neuen Mitarbeiter geben.“
Ist das nicht anstrengend, dieses ganze Müssen? Macht das gute Laune? Wohl kaum.
Das Spannende daran: Wir erzählen uns selbst, dass wir müssen. Und genau das können wir ändern.
Zwei einfache Strategien gegen das Müssen
Ich achte schon eine ganze Weile darauf, das Wort „müssen“ sparsam zu verwenden. Zwei Strategien haben sich dabei bewährt.
Die erste: das Müssen einfach weglassen. Klappt bei den meisten Sätzen problemlos. Leichter fällt mir aber noch die zweite Variante: das Müssen durch ein anderes Modalverb ersetzen. Zum Beispiel durch wollen oder dürfen.
Aus der Teamrunde von oben wird dann das hier:
„Ich mache morgen ein Quality Gate. Danach werden meine Kollegin und ich noch den CAPA-Status-Report erstellen und an den Kunden schicken. Und am Freitag will ich die Intro für die neuen Mitarbeiter geben.“
Die gleichen Fakten. Aber ein völlig anderes Gefühl beim Sprechen und Zuhören.
Natürlich bringt es wenig, krampfhaft jedes „müssen“ zu vermeiden. Spätestens wenn sich meine Blase meldet, muss ich handeln, ob ich will oder nicht. 😉
Manches Müssen bleibt einfach, was es ist. Aber häufig lohnt sich der zweite Blick. Probiere mal eine der beiden Strategien aus, wenn du meinst, etwas zu müssen. Und lass mich wissen, welche der beiden sich für dich stimmiger anfühlt. Weglassen oder durch wollen/dürfen ersetzen?
Mutter sein: Wenn das Müssen kein Ende nimmt
Manchmal kommt das Müssen aber nicht aus einer eigenen Entscheidung, sondern aus Erwartungen an eine Rolle, die man übernommen hat. Und bei kaum einer Rolle ist diese Müssen-Liste so lang wie bei Müttern. Sehr gut fasst dieser Beitrag von Anja Reschke das zusammen.
Früher bestand die Aufgabe einer Mutter vor allem darin, das Überleben ihrer Kinder zu sichern. Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf. Relativ überschaubar.
Mit der Aufklärung veränderte sich der Blick auf Kinder, und die Anforderungen an die Mütter erweiterten sich. Von nun an waren sie auch noch zuständig für deren seelische Entwicklung und Ausbildung.
Zu den häuslichen Pflichten kommt heute noch einiges mehr dazu. Viele Frauen gehen einer Erwerbsarbeit nach, verdienen eigenes Geld, machen Karriere und nehmen Einfluss im öffentlichen Raum. Der Feminismus hat uns diese Freiheiten erkämpft, wofür ich sehr dankbar bin. Aber in Kombination mit den alten Rollenbildern, die wir alle zu einem gewissen Teil noch in uns tragen, wachsen die Anforderungen an Mütter langsam ins Unermessliche.
Spontan fällt mir folgendes ein:
- Für ausreichend Schlaf des Kindes sorgen, den eigenen dafür hintenanstellen.
- Gesunde, möglichst selbstgekochte Mahlzeiten auf den Tisch bringen.
- Die emotionale Entwicklung des Kindes fördern und begleiten.
- Bindungsorientiert erziehen, ohne dabei inkonsequent zu wirken.
- Bildschirmzeit im Griff behalten und trotzdem entspannt mit Medien umgehen.
- Schulische Leistungen im Blick behalten, ohne Druck aufzubauen.
- Musikunterricht, Schwimmkurs und Fußballcamp organisieren und das Kind dorthin fahren.
- Konflikte in der Familie gewaltfrei lösen, auch wenn man selbst erst lernt, wie das geht.
- Die eigenen Trigger erkennen und bearbeiten, damit sie nicht an die Kinder weitergegeben werden.
- Berufstätig sein und zum Haushaltseinkommen beitragen (oder es komplett erwirtschaften, wenn der Erzeuger diese Verantwortung überhaupt nicht wahrnimmt).
- Trotzdem jederzeit verfügbar sein, wenn das Kind einen braucht.
- Trotz Teilzeit und Care-Arbeit fürs Alter vorsorgen.
- Den Haushalt organisieren, auch wenn die Arbeit dahinter unsichtbar bleibt.
- Geburtstage, Feste und Familienrituale liebevoll gestalten.
- Arzttermine, Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen im Blick behalten.
- Zeit und Energie für die Partnerschaft übrighaben.
- Kontakt zu Großeltern, der übrigen Verwandtschaft und den eigenen Freunden pflegen, damit das buchstäbliche Dorf, das es für die Kindererziehung braucht, trotz der räumlichen Distanz, möglich wird.
- Nachhaltig einkaufen und leben, des Planeten und des Kindes wegen.
- Selbstfürsorge betreiben, aber bitte ohne egoistisch zu wirken.
- Selbst fit und gesund bleiben, um für alles andere Energie zu haben.
- Ruhig, geduldig und verständnisvoll bleiben, auch wenn innerlich längst Land unter ist.
- Das alles am besten mit einem Lächeln erledigen, damit es wie ein Kinderspiel aussieht.
Ergänze gerne, wenn ich etwas vergessen habe 😅.
Und ja, auch die Rolle von Vätern ist komplexer geworden.
Was, wenn nichts davon ein Muss ist? Was, wenn du bei jedem einzelnen Punkt wählen darfst?
Im Kern sind das alles Glaubenssätze
Was wir alles meinen zu müssen, sind häufig nichts anderes als Glaubenssätze, die in uns wirken. Entweder sind sie durch Erfahrungen, die wir gemacht haben, entstanden. Oder wir haben sie übernommen von den eigenen Eltern oder anderen Bezugspersonen.
Und die gute Nachricht: Glaubenssätze lassen sich ändern. Wenn wir anfangen, hinzuschauen und sie zu hinterfragen, können wir unser Leben auch bewusster gestalten. Nicht, weil sich plötzlich alle äußeren Umstände ändern. Sondern weil wir merken, dass wir an vielen Stellen mehr Wahl haben, als wir dachten.
Müssen. Dürfen. Wollen. Ich glaube, das ist nicht nur eine Frage der Wortwahl, sondern eine Frage der inneren Haltung, aus der heraus wir sprechen und handeln.
Müssen kommt oft von außen, oder fühlt sich zumindest so an. Dürfen macht schon einen Unterschied. Es öffnet leicht, lässt einem die Wahl. Wollen kommt definitiv von innen. Es setzt voraus, dass du weißt, was du eigentlich brauchst. Dass du kurz innehältst und fragst: Was ist dir hier gerade wirklich wichtig?
Was, wenn du stattdessen fragst, was du willst?
Genau hier setzt mein Coaching an
Diese Glaubenssätze allein zu erkennen, ist manchmal gar nicht so einfach. Wir tragen sie so lange mit uns herum, dass sie sich wie Wahrheiten anfühlen. Nicht wie Sätze, die wir auch anders formulieren könnten.
Im Coaching schauen wir genau das gemeinsam an. Welches Kostüm trägst du gerade, das du nie bestellt hast? Welche Erwartungen hast du übernommen, ohne sie je infrage gestellt zu haben? Und was würde sich verändern, wenn du an ihrer Stelle wieder spürst, was du willst und was du dir erlauben darfst?
Es geht dabei darum, dich wieder mit dir selbst zu verbinden. Damit du dein Familienleben aus Verbindung heraus gestaltest, aus dem Wollen, und nicht aus Druck.
Spürst du, dass da mehr Wollen in dir steckt, als dein Alltag gerade zulässt? Dann lass uns reden. In einem kostenlosen und unverbindlichen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst und ob eine Zusammenarbeit zu dir passt.










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