Ein typischer Samstagvormittag. Mein Mann ist einkaufen. Ich bringe Wohnzimmer und Küche in Ordnung, während die Kinder ihre Zimmer aufräumen.
Bei meinen beiden Grundschulkindern klappt das mittlerweile richtig gut.
Nur heute ist der Wurm drin.
Kind eins macht sich ans Aufräumen.
Kind zwei dagegen tobt. Total unfair sei das. Wieso muss ich das überhaupt jede Woche machen? Wer sagt eigentlich, dass ihr das bestimmen dürft?
Ich will erklären, aber es kommt nicht an. Der Ton schaukelt sich hoch…
Kurze Zeit später dann das hier: Wettrennen ins Wohnzimmer. Kind zwei fordert mich heraus, ich nehme an. Und verliere natürlich, wie es sich gehört. Jammernd, mit übertriebenem Gestöhne, während es lachend an mir vorbeizieht.
Vielleicht denkst du jetzt: Moment mal. Vorhin war dieses Gezeter wegen des Aufräumens und jetzt spielst du mit Kind zwei, als wäre nichts gewesen… Belohnst du damit nicht dein Kind gerade dafür, dass es sich vorhin so aufgeführt hat?
Nein. Und zwar aus einem Grund, der mir selbst erst nach und nach klar geworden ist: Unser Spiel ist keine Belohnung, es ist Beziehungsarbeit.
Das Wichtigste in Kürze:
- Der Verdacht, Spiel sei eine Belohnung, stammt aus einer Zuckerbrot-und-Peitsche-Denkweise, die viele von uns aus der eigenen Kindheit kennen.
- Wenn du nach einem Streit mit deinem Kind spielst, belohnst du damit nicht sein Verhalten. Du arbeitest an eurer Beziehung, denn das Spiel ist Beziehungsarbeit. Eine Belohnung bekommt dein Kind für etwas, Beziehungsarbeit passiert mit ihm.
- Das Spiel ist die Sprache, die Kinder schon beherrschen, bevor sie Worte für ihre Gefühle finden. Durch das Spiel kannst du dein Kind besser erreichen als durch Worte.
- Spielen und Grenzen setzen schließen sich nicht aus. Du kannst mit deinem Kind spielen und trotzdem erwarten, dass das Zimmer aufgeräumt wird. Beides gilt gleichzeitig.
- Eine gute Beziehung legt den Grundstein für eine sichere Bindung, die auch dann noch trägt, wenn Dein Kind längst ausgezogen ist.
- Und ganz nebenbei tut das Spielen auch Dir selbst gut.
Woher kommt der Verdacht der Belohnung?
Dass das Spielen oder irgendeine andere Form der Beziehungspflege eine Belohnung ist, entstammt einer Zuckerbrot-und-Peitsche-Weltsicht. In die fallen wir Eltern unter Stress leicht zurück, besonders dann, wenn wir sie als Kind selbst erlebt haben. Und vielleicht sagt eine Stimme in dir: Hat mir ja auch nicht geschadet. Ist ja trotzdem was aus mir geworden.
Ja, die Stimme kenne ich. Und psychologisch betrachtet stecken dahinter drei Denkfallen, in die wir alle früher oder später tappen.
Die erste heißt kognitive Dissonanz. Stell dir vor, du hast dir mal ein teures Kleid gekauft, das du eigentlich nie richtig gemocht hast. Trotzdem trägst du es und erzählst jedem: Toller Kauf, oder? Zuzugeben, dass es ein Fehlkauf war, tut mehr weh, als es sich einfach schönzureden. Mit schmerzhaften Erfahrungen aus der Kindheit machen wir es oft genauso. Wir reden unsere Erlebnisse schön, weil das leichter auszuhalten ist als die Wahrheit: Das hat mir damals wehgetan.
Die zweite ist der Survivorship Bias. Kennst du das, wenn jemand sagt: Meine Oma hat ihr Leben lang geraucht und ist 95 geworden, kann ja nicht so ungesund sein? Genau das passiert hier auch. Du schaust auf deinen eigenen, gut ausgegangenen Fall und schließt daraus: Kann ja nicht so schlimm gewesen sein, ich bin doch okay geworden. Was du dabei übersiehst: all die Kinder, bei denen es nicht so gut ausgegangen ist. Die tauchen in deiner Rechnung gar nicht auf.
Die dritte ist die Systemrechtfertigung. Wenn du lange in einer Firma arbeitest, in der ständig Überstunden gemacht werden, fängst du irgendwann an, das zu verteidigen. Ist doch überall so, gehört eben dazu. Zuzugeben, dass das System nicht in Ordnung ist, würde nämlich bedeuten: Ich habe die ganze Zeit mitgemacht bei etwas, das nicht okay war. Genauso ist es mit Erziehungsmethoden. Sie infrage zu stellen bringt nicht nur unsere Eltern ins Wanken. Es bringt unser eigenes Weltbild ins Wanken. Und das fühlt sich bedrohlicher an, als einfach weiterzumachen wie bisher.
Wie war es denn bei dir, als du noch klein warst?
Versetz dich mal in die kindliche Version von dir zurück. Damals, als du noch deine Füße unter den Tisch deiner Eltern gestellt hast. Wie ging es dir, wenn du mit ihnen Streit hattest? Was hättest du dir von deinen Eltern gewünscht?
Und jetzt stell dir vor, was alles hätte sein können, wenn du es bekommen hättest. Inwiefern wäre deine Kindheit und Jugend anders verlaufen? Inwiefern wäre dein Verhältnis zu deinen Eltern anders gewesen? Und was würde das vielleicht sogar mit dem heutigen Verhältnis zu ihnen machen?
Warum ist Spiel überhaupt Beziehungsarbeit?
Bevor unsere Kinder all die Worte kennen, die wir Erwachsenen benutzen, haben sie schon eine Sprache. Das Spiel.
Und sie sprechen mit uns in dieser Sprache lange bevor sie Mama oder Papa sagen. Dummerweise haben viele Erwachsene das Spielen vor lauter Worten verlernt.
Kein langes Gespräch, keine Erklärung erreicht ein Kind so unmittelbar wie ein gemeinsames Spiel. Und wenn es uns gelingt, diese Sprache wieder neu zu lernen, erreichen wir unsere Kinder besser, als wir es mit Worten könnten.
Das Schöne dabei: Bindungsspiele wirken in beide Richtungen. Sie sorgen nicht nur bei deinem Kind für Entspannung. Sondern auch bei dir. Sie nutzen körperliche Nähe, Blickkontakt und gemeinsame Aufmerksamkeit, regen die Oxytocinproduktion an und regulieren Stress auf beiden Seiten. Es gibt keine festen Regeln dabei, keinen Sieger, keinen Verlierer. Nur euch beide und den Moment.
Das ist etwas fundamental anderes als eine Belohnung. Eine Belohnung bekommst du für etwas. Beziehungsarbeit passiert mit jemandem.
Angenommen, Spielen ist wie Radfahren – das verlernen wir nicht mehr. Und tief in uns drin wissen wir, wie das mit dem Spielen geht. Wir waren ja schließlich selbst mal Kinder. Also, was hält uns ab? Ist es vielleicht eher die Frage, ob wir uns das Spiel erlauben oder nicht?
Aber wenn wir es uns erlauben, dann wird es magisch. Denn das Spiel bringt die Beziehung zu unseren Kindern auf eine ganz andere Ebene. Weil wir eben nicht mehr nur mit Worten oder Gesten kommunizieren. Und weil wir ihnen über das Spiel viel deutlicher sagen können “Ich sehe dich. Ich bin bei dir. Ich habe dich lieb.”
Was bleibt, wenn dein Kind die Füße nicht mehr unter deinen Tisch stellt?
Zurück zu meinem Samstag. Kind zwei hat getobt, weil das Zimmer aufgeräumt werden sollte. Trotzdem haben wir kurz danach ein Wettrennen ins Wohnzimmer veranstaltet. Und ich habe verloren. Selbstverständlich jammernd, wie es sich für die Verliererin eines Machtumkehrspiels gehört.
Heißt das, ich belohne den Trotz von vorhin? Nein. Denn mit dem Spiel gebe ich nicht meine Position zum eigentlichen Thema auf. Ich spiele mit dir, und gleichzeitig möchte ich, dass du dein Zimmer aufräumst. Beides gilt gleichzeitig.
Wir sind ständig mit unseren Kindern in Beziehung, auch dann, wenn wir mit ihnen im Konflikt stehen. Die eigentliche Frage ist eher, wie du diesen Konflikt lösen willst. Mit Druck und Macht, frei nach dem Motto: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst? Dann musst du dir um die Beziehung erstmal keine Gedanken machen. Aber womöglich macht sich dann dein Kind diese Gedanken auch nicht.
Was passiert denn, wenn dein Kind eines Tages seine Füße nicht mehr unter deinen Tisch stellt? Was für eine Art von Beziehung führst du dann mit ihm?
Willst du einen Konflikt dagegen mit Einsicht und Verständnis auf beiden Seiten lösen, ist eine gute Beziehung genau der Weg dahin. Nur wenn dein Kind wirklich spürt, dass du dich bemühst, will es auch verstehen, warum dir ein aufgeräumtes Zimmer wichtig ist. Nur dann ist es bereit für einen ehrlichen Kompromiss.
Legst du deinen Fokus auf das Gelingen einer guten Beziehung, wird sich eine gute Bindung zwischen dir und deinem Kind entwickeln. Die ist dann auch noch da, wenn dein Kind gar nicht mehr bei dir wohnt. Und diese gute Bindung ist ein sicheres Fundament für das positive Selbstbild deines Kindes und sie legt auch die Weichen für die Beziehungen, die dein Kind in Zukunft führen wird.
Bindung und Beziehung – was ist der Unterschied?
Bindung wird in der Bindungstheorie als ein relativ dauerhaftes, gefühlsgetragenes Band zu ausgewählten Personen verstanden. Sie entsteht primär in der frühen Kindheit durch wiederholte Erfahrungen von Verfügbarkeit und Feinfühligkeit der Bezugspersonen. So bildet die Bindung eine Art Blaupause für spätere Beziehungen.
Beziehung bezeichnet die Gesamtheit der Interaktionen, Rollen und Vereinbarungen zwischen Menschen (zum Beispiel als Paar, unter Freunden und Kollegen oder auch in der Familie). Die Beziehung ist nicht automatisch tief emotional; man kann eine gute Beziehung haben, ohne stark gebunden zu sein.
Am Ende hat Kind zwei sein Zimmer doch noch aufgeräumt. Nicht sofort, aber im Laufe des Nachmittags.
Und übrigens: Ich spiele nicht nur, um einen Streit wiedergutzumachen. Die meisten unserer Spielmomente haben gar keinen Konflikt davor. Sie sind fester Bestandteil meines Alltags und helfen mir nicht nur dabei, die Beziehung zu meinen Kindern zu gestalten. Sondern auch die zu mir selbst. Wenn ich spiele, bin ich nämlich auch wieder viel besser in Verbindung mit mir selbst.
Was das Spielen mit mir macht, wenn ich mich wirklich darauf einlasse
Es ist wie ein kleiner Urlaub von den alltäglichen Pflichten, die das Elternleben so mit sich bringt. Fast so, als dürfte ich selbst wieder Kind sein. Meinen vollen Fokus auf das legen, was wir gerade machen. Und keinen Gedanken an Pflichten verschwenden. Zum Beispiel an das Mittagessen, bei dem ich noch keine Ahnung habe, was es geben soll. Oder an die Wäsche, die schon fertig ist und auf die Leine will.
Beim Spielen spüre ich Leichtigkeit. Besonders dann, wenn ich mich richtig gut auf den Moment einlassen kann. Dann bin ich im Jetzt. Nicht bei einem der 138 offenen Tabs in meinem Kopf.
In einem bewussten Spielmoment gibt es nur mein Kind oder meine Kinder (wenn beide mitspielen), mich und unser Spiel. Alles andere ist vollkommen nebensächlich. Das Spiel bringt mich näher an die Person ran, die ich sein will. Ich muss keine fremden Erwartungen erfüllen. Ich muss nicht beweisen, was ich alles kann. Ich muss nicht die Kontrolle behalten. Ich kann einfach so sein, wie ich gerade bin.
Das Spiel lässt mich diese Verbindung zwischen mir und meinen Kindern ganz stark spüren. Es gelingt mir dabei auch viel besser, mich in ihre Welt einzufühlen. Mittlerweile ist das Spielen für mich ein bisschen so, wie Pippi Langstrumpf zu sein und mir dabei die Welt so zu bauen, widde-widde-witt, wie sie mir gefällt. Und ich glaube auch meine Kinder haben dann dieses Pippi-Langstrumpf-Gefühl.
Nachdem ich nun auf über 7 Jahre bewusstes Spielen mit meinen Kindern zurückblicke, komme ich zu dem Schluss, dass das Spielen womöglich viel mehr eine Belohnung für mich als für sie ist. Wobei Belohnung nicht das richtige Wort ist, denn das Spielen bleibt Beziehungsarbeit. Aber eine Arbeit mit unglaublich vielen positiven Effekten auf mich und unser gesamtes Familienleben.
Wenn du auch herausfinden möchtest, wie sich das Spielen für dich und deine Familie anfühlen kann, dann melde dich für meinen Elternkurs die Spielpause an.















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