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Entscheidungen treffen heißt vertrauen: Ein Gespräch über Klarheit und den eigenen Kompass

Entscheidungen treffen heißt vertrauen: Ein Gespräch über Klarheit und den eigenen Kompass

Vor Kurzem hatte ich das Vergnügen, mich mit Solveig Dalheimer zu unterhalten — Gründerin von be Mama Earth. In ihrer Arbeit geht es ihr darum, werdende Eltern zu begleiten, damit sie ihre Geburten bewusst erleben — als kraftvollen und positiven Übergang, der durch Selbstvertrauen, Ruhe und innere Klarheit getragen ist.

In unserem Gespräch ging es vor allem um Entscheidungen: wie unterschiedlich sie sein können, wie wir sie treffen und wie wir andere Menschen bei der Entscheidungsfindung unterstützen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Du triffst täglich viele Entscheidungen und du kannst lernen, sie bewusster, klarer und leichter zu fällen.
  • Du kannst Unklarheit abbauen, indem du mögliche Optionen strukturierst statt sie im Kopf endlos zu drehen.
  • Wenn du dir im Alltag bewusste Pausen erlaubst, kannst besser spüren, welche Entscheidung sich stimmig anfühlt, statt aus Stress oder Druck zu handeln.
  • Entscheidungen werden besser, wenn du deine Werte und Prioritäten kennst und sie zur Orientierung nutzt („Was für eine Mutter möchte ich sein?“).
  • Du triffst sogenannte Nordstern-Entscheidungen, indem du dich an dem orientierst, wer du sein willst und was dir langfristig wichtig ist, statt nur kurzfristige Vor- und Nachteile abzuwägen.
  • Du erkennst Entscheidungsblockaden, wenn du deine inneren Glaubenssätze und Ängste bewusst hinterfragst.
  • „Perfekt entscheiden“ gibt es nicht – gute Entscheidungen entstehen im Tun und im Lernen

Von großen und kleinen Entscheidungen 

Ulrike: Erzähl doch mal, wie war denn dein Sommer?

Solveig: Ich fand es total gut, mal ein bisschen Abstand zu haben! Erst war ich in einer Musicalwoche, wo ich den Kindertanz geleitet habe. Das war total schön, da wieder so eine Erdung zu bekommen, v. a. da das Tanzen in den letzten Jahren etwas zu kurz kam.
Und wir wollten ja heute auch über das Thema Entscheidungen sprechen – da passt das eigentlich total gut dazu. Denn jetzt rückblickend kann ich sagen: Als ich für die Musicalwoche angefragt wurde, wusste ich sofort: Ich muss das machen! Und das ist nicht gerade der häufigste Fall, dass ich bei sowas sofort Bescheid weiß. Schon witzig, wie klar manche Dinge dann doch einfach sind…
Ach ja, und dann waren wir noch in Nordfriesland in der Nähe meiner Familie auf einem Campingplatz, das war auch sehr schön. Und bei dir?

Ulrike: Wir sind relativ viele Stationen in Deutschland abgefahren, um mit Menschen zusammenzukommen, die wir sonst relativ wenig sehen: Eltern, Geschwister und Freunde. Ein paar Tage hier, ein paar Tage dort und zum Abschluss noch ein paar Tage gemeinsam mit einem Teil der Familie in einem großen Ferienhaus. Das machen wir schon relativ lange so. Deshalb planen wir selten klassischen Strand-Urlaub im Süden, wo du weit weg von allem bist und neue Länder siehst. Und ich vermisse den Input, der von neuen Orten kommt, gar nicht so, sondern genieße eher die Zeit, die ich da mit meinen Herzenmenschen habe.

Solveig: Ja, das klingt echt schön.

Ulrike: Die Zeit kommt ja nicht wieder. Irgendwann denkt man sich hinterher: „Ach, hätte ich doch noch mal mehr Zeit mit diesen und jenen Menschen verbracht.“ Und ich weiß nicht, ob irgendjemand sich am Ende seines Lebens sagt: „Ich wollte unbedingt noch mal an Strand XY fahren. Da bin ich richtig sauer, dass ich das nicht hingekriegt habe!“ So was habe ich noch nie gehört, und das kann ich mir auch schwer vorstellen.

Solveig: Ja, da kann ich mich gerade sehr mit verbinden. Als wir jetzt in Nordfriesland waren, hatte ich auch die Gelegenheit, meine Oma zu sehen. Da sie schon 88 ist, ist natürlich irgendwo klar, dass wir nur noch eine begrenzte Zeit zusammen haben werden. 
Manchmal, wenn ich in der Entfernung bin, merke ich, dass ich das so wegschiebe. Aber wenn ich dann vor Ort bei meiner Oma bin, der letzte lebende Mensch dieser Generation in unserer Familie, ist es nochmal krasser spürbar. Und da denke ich dann oft, eigentlich müsste ich viel öfter hochkommen, trotz der langen Reise. Und alles andere kann man vielleicht noch verschieben.
Wobei ich sagen muss: Das ist gerade sehr ambivalent bei uns, denn wir sind ja gerade noch so vor der Schulpflicht unserer Tochter – und ich habe schon sehr, sehr lange den großen Wunsch, nach Neuseeland zu reisen – seit über 20 Jahren schon. Und jetzt werden wir das vor der Schulpflicht tatsächlich noch zusammen machen. Und das ist ja irgendwie total das Gegenteil davon.
Aber es fühlt sich so gut an, auch weil es so eine lange und große Entscheidung war: Wie sollen wir das hinkriegen? So viel Zeit, so viel Geld, so viel Aufwand.
Auch in dem Wissen, dass die lange Reise sehr fordernd werden kann. Und jetzt, wo die Entscheidung getroffen ist, fühlt es sich so gut an, über diesen Schatten gesprungen zu sein und das zu machen, diese Erfahrungen mitzunehmen. Auch für uns als Familie: sechseinhalb Wochen, die wir zu dritt verbringen dürfen. Und das fühlt sich total gut und irgendwie richtig an.

Ulrike: Ich finde auch: Wenn man so große Entscheidungen getroffen hat, stellt sich ja dann häufig so eine Klarheit ein. Also erst so dieses Rumdrucksen: Traue ich mich, diese Entscheidung zu treffen? Und sobald sie getroffen ist, ist danach so ein bisschen wie Dominosteine, die umkippen: Ah ja, jetzt das, das, das, das, das.

Solveig: Ja, total. Schon spannend, wie unterschiedlich Entscheidungen so sind.

Es gibt diese großen, wo man drauf herumkaut und nicht weiß: Ist das eher ein Hirngespinst? Lenke ich mich da von etwas ab? Fliehe ich da vielleicht vor was, vor meinem Leben? Das hört man ja auch manchmal zum Thema Reisen – dass es so das hehre Ziel sei: Ich bin glücklich und zufrieden da, wo ich bin, egal wo.

Aber das ist für Menschen, glaube ich, sehr unterschiedlich. Ich habe schon viele Gespräche darüber gehabt und dann gemerkt: Manchen Menschen macht es gar nicht so viel aus, ob Licht da ist oder nicht, ob die Sonne scheint oder nicht, an welchem Ort sie sind. Und mit mir macht das zum Beispiel total viel.

Und da habe ich gemerkt, nach dieser großen Entscheidung: Wow, das war gut, zum Glück habe ich es geschafft, diese Entscheidung zu treffen. Und dann gibt es diese „kleinen“ Entscheidungen, wie zum Beispiel die Musicalwoche, wo man direkt weiß – ja oder nein.

Und dann gibt es aber auch solche Entscheidungen, wo es nochmal komplizierter ist. Mir fällt gerade ein Beispiel ein, wo ich wirklich nur mit Coaching zu dieser Entscheidung gekommen bin. Das hätte ich alleine, auch mit meinen ganzen Techniken, so nicht geschafft. Manchmal braucht es einfach diesen Rahmen, der einen da durchführt.

Und nach dieser Entscheidung war tatsächlich nicht nur Erleichterung, sondern auch Angst da. Das ist, glaube ich, oft so bei Entscheidungen, die tiefer gehen, wo es dann noch ein bisschen dauert, da rauszuwachsen. Und es hat damals wirklich – ich weiß nicht wie lange, ein paar Monate oder vielleicht sogar bis jetzt – gedauert, um diese Angst loszuwerden. Und das finde ich super spannend – diese verschiedenen Arten von Entscheidungen und was die so mit uns machen, wo die uns so hineinbefördern.

Die Nordstern-Entscheidungen

Ulrike: Und ja, da sagst du auch gerade was ganz Cooles. Diese Sachen, die so tiefer gehen. Ich habe auch festgestellt, dass wir solche Entscheidungen häufig nicht treffen, weil es uns irgendwie Sicherheit gibt, die “tiefe” Entscheidung nicht zu treffen. Wir wissen vielleicht, das ist nicht gut. Aber es ist das, was wir kennen. 

Da kann man Pro- und Contra-Listen schreiben, wie man will. Die Pro- und Contra-Liste, die hilft da nicht weiter. Da weißt du am Ende: Die Entscheidung hat Vor- und Nachteile. Und du könntest die Vor- und Nachteile zählen oder sie gewichten. Aber im Grunde fragst du dich: „Ja, und jetzt, was mache ich damit?“ Denn so wirklich bereit, die Entscheidung zu treffen, bist du noch nicht. Und dann ist es meiner Erfahrung nach nötig, Stück für Stück in diese Unsicherheit reinzugehen. Und ich glaube auch nicht, dass das so über Nacht passiert – sondern wir entscheiden uns immer wieder ein bisschen. Da sehe ich die Entscheidung wie so eine Art Nordstern, auf den man sich so langsam zubewegt. Stück für Stück erweiterst du den Raum, wo du dich damit komfortabel fühlst. Machst wieder ein kleines Stück in die Richtung. Und dann brauchst du Pause, um zu merken: „Bin ich hier sicher? Passiert was? Passiert nix?“ Um dann irgendwie wieder den nächsten kleinen Schritt in genau die Richtung zu gehen.

Solveig: Ja, genau so war es tatsächlich auch bei der Reiseentscheidung. Sich trauen, es auszusprechen. Und dann zu gucken, was passiert. Wie ist die Reaktion? Und das dann ruhen zu lassen. Was macht die Reaktion mit mir? Das waren schon ein paar Wochen Prozess durch verschiedene Höhen und Tiefen. „Nordstern-Entscheidung“ – das finde ich eigentlich einen schönen Begriff. Als Nordstern-Entscheidung würde ich die bezeichnen, wo man danach wirklich diese Klarheit hat: Gut, dass ich da angekommen bin. Oder meintest du die anderen? Für mich passt der Begriff total schön zu diesem: Da bewege ich mich hin. Und eigentlich weiß ich auch schon, dass ich das will. Und wenn man es geschafft hat, ist es super, und der Stern strahlt dann irgendwie noch weiter.

Ulrike: Ja, die meinte ich damit.

Die Wachstums-Entscheidungen

Solveig: Und die anderen – wie könnte man die denn nennen? Vielleicht Wachstums-Entscheidungen? Wo man nach der Entscheidung noch nicht ganz befreit ist, sondern alte Muster hochkommen, die sagen: Ist das nicht gefährlich, was du gerade machst? Willst du nicht doch lieber zurückgehen? 

Übrigens, was du zu den Pro-Contra-Listen sagst, dazu habe ich mal eine Untersuchung gelesen. Die hatte stattgefunden mit Studierenden, meine ich. Und die sollten sich ganz scheinbar banal für ein Poster für ihr Zimmer entscheiden. Die eine Gruppe sollte Pro-Contra-Listen machen: Wie wirkt die Farbe, Stimmung usw. Und die andere Gruppe sollte spontan aus dem Bauch heraus entscheiden. Und dann wurde geschaut, nach ein paar Monaten oder so, wie zufrieden die Menschen noch mit dem Poster sind. Und die Bauchgefühlgruppe war deutlich zufriedener mit ihrer Entscheidung.

Ulrike: Das kann ich total nachvollziehen, weil die Bauchentscheidung treffen wir ja heraus aus der Frage: Wie fühlt sich das gerade für mich an? Und natürlich vergleichst du so vergangene Erfahrungen, die man gemacht hat. Plus: Was habe ich jetzt gerade so für Reize, die ich wahrnehme? Ist das gut? Ist das nicht gut? Wie passt das? Und in dem Moment, wo wir eine Bauchentscheidung treffen, sind wir total verbunden mit uns. Im Grunde sind wir durch diese Verbundenheit überhaupt in der Lage zu entscheiden. Ganz klares Daumen hoch oder Daumen runter.

Und bei diesen Pro-Contralisten-Entscheidungen hat der Daumen keinen spontanen Ausschlag. Wir finden rationale Argumente für beides. Und der Verstand ist ja genau das Gegenteil von Fühlen, von in Verbindung sein. Es gibt auch Untersuchungen die zeigen, dass wir vorher eigentlich schon die Entscheidung getroffen haben und nachher mit unserem Verstand rationalisieren, warum wir sie getroffen haben. Wir erklären uns dann selbst, warum das jetzt eine gute Entscheidung war. Und gerade in unserer Gesellschaft ist genau das das, was wir total gut lernen.

Solveig: Absolut.

Ulrike: Ich glaube, bei diesen Entscheidungen, wo wir dann auf einmal geneigt sind, Pro-Contra-Listen zu schreiben, sind wir nicht richtig verbunden. Und da fehlen vielleicht gewisse Erfahrungen oder irgendwelche Punkte, um klar Ja oder Nein sagen zu können. Und dann ist es vielleicht auch gut, sich noch nicht zu entscheiden, sondern das erstmal so weiterlaufen zu lassen.

Solveig: Das nicht zu erzwingen.

Ulrike: Genau, das nicht zu erzwingen. Und dann tut sich vielleicht an einer anderen Stelle irgendetwas auf, wo man dann weiß: Nee, jetzt ist der Zeitpunkt. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo ich mich dagegen entscheide oder wo ich ganz klar „Ja!“ sage.

Solveig: Das erfordert auch Vertrauen, merke ich gerade. Also in dem Moment nicht zu sagen: Ich muss jetzt diese Entscheidung treffen, sondern ich vertraue darauf, dass der Zeitpunkt kommt, wenn ich das klar spüren kann.

Was ich gerade noch gedacht habe bei den Listen: Wo es vielleicht helfen kann, ist, wenn ich mich nicht zu sehr an meinem Kopf festhalte sozusagen, sondern vielleicht beim Listenschreiben so ein bisschen eine Tür ins Gefühl offen lasse. Nicht zu sagen: Ich muss jetzt wie bei einer Erörterung fünf Argumente hier und fünf Argumente dort finden, sondern ich gucke mal, was passiert. Vielleicht, während ich die eine Seite schreibe – Pro oder Contra –, merke ich: Ah, das fließt, und da will ich jetzt eigentlich ganz viel hinschreiben, und es fühlt sich irgendwie stimmig an, diese Seite zu füllen und die mehr zu gewichten.

Und die andere will ich eigentlich gar nicht füllen, und ich kann es auch nicht richtig. Dann kann es vielleicht schon helfen, so eine Liste – einfach zu spüren, wo mein Gefühl hingeht oder wo von alleine mehr kommt.

Mir kam gerade nochmal ein Bild in den Kopf von einer schwierigen Entscheidung damals. Die hätte ich niemals mit einer Liste treffen können, weil sie viel zu komplex war und innere Anteile mitgewirkt haben. Damals ging es um den weiteren Berufsweg, und ich war bei einer Coachin. Wir haben eine Methode angewandt, wo sie gesagt hat: „Okay, wenn du aussprichst, was du eigentlich machen möchtest, welche Gedanken und Sätze tauchen dazu auf?“ Und das war viel! Wir haben dann mit diesen Anteilen gearbeitet – über mehrere Stunden –, bis die Entscheidung klar war. Danach war ich dann wirklich so zwischen Euphorie und totaler Panik, weil natürlich durch diesen Prozess Klarheit kam, aber die Anteile ja nicht einfach „puff“ gemacht haben und weg waren.

Das heißt, ich durfte mit denen weitergehen. Und wenn man sich das mal klar macht, wie viel Arbeit das sein kann, eine einzige Entscheidung zu finden, wenn da innere Anteile mitwirken – wie sehr müssen solche Anteile erst im Elternalltag Einfluss haben? Gerade, wenn wir uns nicht bewusst damit auseinandersetzen.

Ich finde das schon manchmal krass – diese gefühlt 3000 Entscheidungen, die wir von morgens bis abends treffen müssen. Angefangen z.B. von: Kind wacht mit schlechter Laune auf – du musst dich entscheiden: Wie reagierst du? Es fängt ja direkt mit dem Aufwachen an, du fällst aus dem Traum und musst die erste Entscheidung treffen. 

Und im Job, gerade in der Selbstständigkeit, ist es ja ähnlich. Und dann switcht man wieder von der Erwerbs- in die Care-Arbeit, und es geht weiter mit den Entscheidungen – die ja gerade im Elternsein noch mal besonders von inneren Anteilen beeinflusst werden können, weil wir ja in Beziehungen sind.

Ulrike: Absolut.

Solveig: Und Beziehungen triggern ja ohne Ende. Das finde ich auch Wahnsinn … wie wenig das Thema ist, wenn wir übers Kinderhaben sprechen. Erzählt irgendwie keiner.

Ulrike: Kinder zu begleiten – ich glaube, das ist die größte Herausforderung, die man im normalen Leben hat und die vollkommen unterschätzt wird. Ich glaube, das ist so krass unterschätzt, weil du dich, wie gesagt, mit all diesen Sachen auseinandersetzen darfst. 

Übrigens das, was du beschreibst aus dem Coaching, was du erlebt hast, die Methode heißt inneres Team.

Solveig: Stimmt, ja.

Entscheidungen an Hand der Identität treffen: Was für eine Regisseurin will ich sein?

Ulrike: Und da ist das ganz cool, wenn du dir eine Theaterbühne vorstellst und deine inneren Anteile – das sind diese ganzen Schauspieler –, die da sind. Und du darfst Regisseurin sein. Du darfst entscheiden, wer welche Sprechanteile hat. Wie kriegen wir das hin, dass das jetzt ein gutes Stück wird?

Ich habe keinen Theaterhintergrund, aber ich stelle mir das so vor: Wenn du einen Schauspieler hast, dem du kaum Redezeit gibst – ja, was macht das mit dem? Der wird irgendwann ziemlich angepisst sein, weil er nicht zeigen kann, was für einen Wert er für das Stück hat. 

Solveig: Ja, total.

Ulrike: Und eine andere Methode, die auch total gut hilft, um Entscheidungen treffen zu können, nennt sich „logische Ebenen“. Da schaust du dir über mehrere Stufen an, was eine Entscheidung mit dir machen würde. Also du kommst von der Umwelt, dann gehst du noch einen Schritt weiter, dann gehst du noch einen Schritt weiter und am Ende kommst du so bei der Identität an. Okay: Was für eine Identität habe ich denn, wenn ich jetzt mit dieser Entscheidung gehe? Und das ist im Grunde das Gleiche wie beim Theaterstück-Setting: Was für eine Regisseurin will ich sein?

Oder auch diese Morgende – du fällst aus dem ersten Traum und darfst die erste Entscheidung treffen. Du fängst ja nicht alles von vorne an, weil wenn du das ständig machen würdest, kommst du ja gar nicht mehr zum Alltag, weil du so die Menge an Entscheidungen zu treffen hast. Sondern es hilft vielmehr, sich am eigenen inneren Kompass zu orientieren. Also, sich die Frage zu beantworten, was für eine Mama ich sein möchte. Wie stelle ich mir das vor? Und da gehst du gar nicht ins Klein-Kleine, sondern kannst ein Bild für dich finden.

Ich hatte das mal in einem Coaching, wo wir auch über verschiedene Ebenen gegangen sind, und am Ende meinte die Klientin: Wenn ich mir mich als Pflanze vorstelle, dann wäre ich Efeu – am Ende alles überranken und sich nicht unterkriegen lassen. Das war ihr Bild. Dieses „Nee, ich will da weiter dran arbeiten. Ich will an der Stelle nicht aufgeben. Ich will es immer wieder in die Richtung versuchen.“

Und ich glaube, das hilft uns allen, wenn wir ein Bild finden, wie wir sein wollen. Das kann eine Pflanze sein, das kann aber vielleicht auch ein Comic-Held oder ein Tier oder was auch immer sein. Wie will ich sein? Und daran richtest du dann quasi diese ganzen kleinen Entscheidungen an diesem Bild aus.

Solveig: Ja, das finde ich total schön. Ich kann mir vorstellen, dass das auch hilft, sich nicht kirre machen zu lassen von den Dutzenden von Ansätzen, Meinungen, Ratschlägen, die wir so mit uns herumschleppen. Da hilft es sicher zu sagen: „Ich begebe mich jetzt an diesen Ort, ich bin jetzt dieses Bild oder verbinde mich mit diesem Bild, und was würde ich aus diesem Platz heraus tun?“ Ich kann mir vorstellen, dass man dann nicht so völlig schwimmt in den ganzen Möglichkeiten, Ideen, die von Erziehung da sind, Ängsten – was man irgendwie falsch machen könnte und so weiter.

Und Kinder triggern ja auch das eigene innere Kind in manchen Situationen – gar nicht so selten. Und in dem Moment hast du ja auch keine Zeit zu sagen: „Ich kümmere mich jetzt hier um den ganzen Prozess.“ Sondern dann sagen zu können: „Darum kümmere ich mich, wenn Zeit ist, ich verbinde mich jetzt mit dieser positiven Mama-Version von mir – der Mensch-Version letztendlich, das ist ja einfach Menschsein –, aus der heraus ich handeln möchte“, das finde ich wirklich schön.

Ulrike: Genau, der eigene innere Kompass ist die alltagstaugliche Variante, um schnell und gleichzeitig bewusst Entscheidungen zu treffen.

Solveig: Spannend finde ich auch, dass manchmal für verschiedene Situationen verschiedene Methoden gebraucht werden. Z.B. komme ich ja aus der Hypnotherapie, und da arbeitet man auch viel mit inneren Anteilen. Und trotzdem tat es gut, bei dem Prozess mit dem inneren Team mal aus dem Bekannten auszubrechen. Wenn man lange mit einer Methode unterwegs ist, dann lernen, glaube ich, die inneren Anteile irgendwann: „Ah, so läuft hier der Hase” und versuchen dann, das Ich im sicheren alten Bereich zu halten. Und dann kann ein etwas anderer Ansatz helfen, um da rauszukommen aus diesem Muster.

Das fand ich total schön – wie eine andere Herangehensweise einfach ganz frischen Wind da reinpusten kann – und natürlich auch die intensive Begleitung von außen. Es braucht einfach manchmal diesen Rahmen.

Ulrike: Und da ist es egal, wie viel du angeblich schon weißt. Egal, was du vielleicht schon alles gemeistert hast: Du wirst immer mal wieder in Situationen kommen, wo die Regisseurin gerade nicht weiter weiß, sondern wo du was von außen brauchst. Das können Menschen aus deinem Umfeld sein, mit denen du darüber redest, und vielleicht bringen die quasi gerade die richtige Frage oder Sichtweise mit rein. Wo du denkst: „Ach ja, dass ich da nicht selber drauf gekommen bin!“ Aber es können auch Coaches sein, die dich begleiten, weil die ja auch einfach geübt sind, gewisse Fragen zu stellen.

Denn wenn wir mit den Themen, die wir so haben, immer nur so an unser Umfeld gehen, kommen wir an bestimmten Punkten nicht weiter. Denn auch unser Umfeld lernt ja: „Solveig hat immer dieses Thema, das für sie wichtig ist. Mein Thema ist eigentlich gerade ein anderes – und das will ich mit ihr besprechen! Was sage ich denn jetzt zu Solveig, damit sie aus ihrem Thema schnell wieder rauskommt?“ Da setzt dann dieser Gewöhnungseffekt ein, wo es hilfreich ist, wenn jemand Fremdes von außen nochmal so ein bisschen rüttelt an diesem System, damit das wieder in Bewegung kommt.

Solveig: Genau, ja! Auch wie in der Partnerschaft, wie in der Beziehung zum Kind, wo einfach diese ausgetretene Autobahn dann schnell anspringt.

Ulrike: Ja, genau. Und das ist auch ganz normal, dass wir auf der Autobahn landen. Unser Gehirn ist ja dafür gemacht, Energie zu sparen. Und es ist immer leichter, den ausgetretenen Weg zu gehen, weil das andere einfach anstrengend ist.

Solveig: Und manchmal muss das Gewohnte so arg gegen eine Wand gefahren werden oder sich so drückend anfühlen, dass wie so ein neuer Energieknoten entsteht, um in das, was sich unbequem anfühlt, reingehen zu können – sich das zu trauen. Ich finde, Vertrauen ist da ein ganz wichtiger Punkt. Zum Beispiel, wenn ich etwas riskieren muss – wenn mich zum Beispiel schon länger etwas stört in einer Partnerschaft oder in Beziehung zu Verwandten, zu Freundinnen, wie auch immer. Und ich habe vielleicht bisher das Muster gefahren: Ich weiß, was ich tun muss, damit es nicht eskaliert. Und wenn ich dann dieses Muster unterbreche, muss ich ja vertrauen, dass ich es aushalten kann, wenn es zu einem Konflikt kommt – wobei er ja unterschwellig eh schon da ist.

Vielleicht frage ich mich: Mache ich etwas „kaputt“, weil ich etwas anspreche oder mich anders verhalte? Kann ich es aushalten, wenn jemand das doof findet? All solche Themen können da hochkommen. Vielleicht auch: Kann ich das aushalten, mich in dieser neuen Identität zu erfahren?

Ulrike: Und vielleicht ist genau das ja auch ein Teil von Entwicklung und den Wachstums-Entscheidungen: Dass wir uns in diesen neuen Identitäten ausprobieren. Dass wir nicht wissen, ob es funktioniert, aber neugierig bleiben, wie es sich anfühlt, wenn wir uns anders zeigen als bisher.

Kleine Pausen als Entscheidungs-Helfer im Alltag

Solveig: Wir haben ja jetzt super viel über Entscheidungen gesprochen, und es kam ja immer wieder raus – und das würde ich gerne noch mal unterstreichen –, wie sehr das Sortieren und Entscheiden untergehen kann im stressigen Alltag. Und wie wir, wenn wir nicht an diesen riesigen Druckpunkt kommen wollen, wo wir dann vielleicht mal irgendwann sagen: „Okay, das hat jetzt Priorität“, dem so ein bisschen vorbeugen können. Und das muss man, glaube ich, echt aktiv entscheiden. Z. B. sich bewusst Zeiten zu nehmen, um zur Ruhe zu kommen und sich alles, was im Innen so los ist, sortieren zu lassen – das muss ja nicht gleich heißen: Ich gehe einmal die Woche zum Coaching. Sondern im Alltag  erstmal diesen Punkt mitkriegen von: Ich fange an, pushy zu werden und mich selbst durch etwas durchzudrücken. Wenn man diese Momente mitkriegt und dann innehält – oder von vornherein feste Zeiten einplant, Pause zu machen, das bringt schon sehr viel.

Und Pause ist ja ein ganz offener Begriff: Für den einen kann es sein, ich lege mich fünf Minuten auf den Rücken, für die andere: Ich gehe mal um den Block, oder ich telefoniere mit jemandem. Vielleicht ist es eine Atemübung, Yoga, vielleicht Meditation. Vielleicht sich bewusst ein gutes Getränk zu machen, sich auszuschütteln – oder auch etwas ganz anderes. Das sind ja Dinge, die sind nicht nur wichtig, damit das Gehirn hinterher wieder schön effektiv arbeiten kann – um mal von diesem Leistungsprinzip wegzukommen –, sondern auch, um Dinge, die schon unter der Oberfläche schwirren und die sich gern Gehör verschaffen wollen, dass wir denen mal einen Moment zuhören. Denn wenn wir die ganze Zeit am Rennen und Pushen sind, dann kriegen wir das einfach nicht mit. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Präventionsansatz, um sich nicht zu sehr zu verfahren in sich selbst, den Beziehungen innerhalb der Familie, zum Kind – und auch einfach mehr Erfüllung zu finden, letztendlich. 

Ulrike: Ja, wie ein Stehenbleiben – einfach auf Pause drücken. Das geht auch, wenn die Kinder nicht in Betreuung sind. Manchmal kann man einfach danebenstehen und zugucken. Und ich finde, das geht gerade, wenn die Kinder noch nicht in der Schule sind, total gut. Du kannst sie auf dem Spielplatz einfach mal buddeln lassen, ohne ständig hinterherzurennen. Du kannst sie beobachten in dem, was sie tun, und ich fand das immer sehr berührend.

Für mich war das oft eine Pause. Ich saß mit Tee oder Kaffee da, sagte vielleicht: „Ich sitze jetzt hier und du machst das schon.“ Und dann zu sehen, was sie alles alleine hinkriegen – das ist so eine Erleichterung. Jeder Schritt in ihre Selbstständigkeit schenkt auch mir Freiheit.

Und in solchen Momenten passiert viel: Ich werde überströmt von Liebe. Zum anderen kommt dann ganz häufig etwas hoch. Gerade wenn dann Kinder miteinander interagieren, dann höre ich manchmal Sätze, wo ich denke: „Wo haben sie den denn her?“ und in der nächsten Sekunde: „Oh Gott, ich glaube, der ist von mir!“ Und dann ist das wieder so ein Moment, den man nutzen kann, um einen Blick in den Spiegel zu werfen, der einem vorgehalten wird. Oder ich höre auf Dinge, die sonst gerade in mir hochkommen. Ich gebe mir diese Pause, um halt entweder in Ruhe meine Kinder zu beobachten oder zu beobachten, was so in mir gerade passiert.

Solveig: Ja, ich glaube, das ist genau das, was ich meine – einen Schritt zur Seite gehen. In die Beobachterrolle zu gehen. Nicht im Tun zu sein, sondern im Geschehenlassen. Im Innen, oder eben wie du es beschrieben hast auch im Außen – was dann manchmal wieder dazu führen kann, diesen Moment für sich zu haben. 

Ich glaube einfach, wenn wir im Machen sind, dann haben diese klaren Momente einfach wenig Chance, sich zu melden. Diese Klarheit wartet ja manchmal wirklich direkt unter der Oberfläche – und dann, sobald du einen Moment Ruhe hast, sagt sie sofort: „Hallo, hier bin ich!“, und du kriegst deine Botschaft. Wir brauchen halt diesen Moment der Ruhe, des Beobachtens, damit es durchkommen kann

Ulrike: Oder auch so dieses gemeinsame Reflektieren über eine Situation. Neben dem Coaching habe ich noch einen Job, der ganz anders aussieht. Da führen wir zu dritt ein Team und haben tägliche Treffen mit dem gesamten Team. Und wir als Teamführung sind mittlerweile ganz gut in dem Erst-mal-Beobachten und Pausemachen. Und gerade bei mir merke ich das auch: Ich war früher viel, viel aktiver. Frage X kam rein – ich hatte sofort eine Antwort. Ich habe gar nicht gemerkt, dass die anderen aus dem Team keine Chance hatten zu reagieren, weil ich so schnell war. Und gleichzeitig fällt auch ganz viel Druck ab, wenn ich mir gestatte, jetzt nicht zu reagieren, sondern erst mal zu gucken, was die anderen machen. Wie finden sie eine Lösung? Und das muss ja gar nicht immer meine Lösung sein.

Solveig: Mich springt da gerade schon wieder das Wort Vertrauen an – wie vorher beim Entscheidung-ruhen-lassen. Oder wie du es eben mit dem Spielplatz beschrieben hast: Ich vertraue darauf, dass die Kinder ihren Fluss, ihre Exploration da jetzt finden, dass ich hier einfach sein darf.

Ich vertraue darauf, dass auch ohne mich eine Lösung entsteht – oder vielleicht genau dadurch ein besonderer, wertvoller Raum geschaffen wird. Vielleicht bin ich da auch gebiased, dass ich überall Vertrauen sehe, weil es natürlich in meinem Bereich Geburtsvorbereitung ein ganz, ganz wichtiges Thema ist – sowohl vor als auch während der Geburt, als auch danach. Aber ich muss schon sagen, es springt mich überall an. Weil ich glaube: Ohne dieses Vertrauen sind diese Schritte gar nicht möglich. Ohne das Vertrauen, dass etwas Gutes daraus entsteht, und das alles irgendwie seinen Weg finden wird.

Entscheidungen wie Dominosteine: Ein Impuls von außen bringt alles in Bewegung

Ulrike: Ich erinnere mich an meine erste Schwangerschaft: Wegen einer Muttermundschwäche hätte ich mehr Pausen gebraucht, habe mich aber ständig überfordert – bis ich mit Frühgeburtsbestrebungen wochenlang im Krankenhaus lag. Zum Glück ist alles gut gegangen, mein Kind kam im Geburtshaus zur Welt, genauso wie ich es wollte.

Mit der zweiten Schwangerschaft habe ich dann natürlich mehr Rücksicht auf mich und meinen Körper genommen und ich wollte mein Kind wieder im Geburtshaus bekommen. Anfang Dezember dann schlechte Nachrichten: Das Geburtshaus muss schließen. Meine Hebamme meinte, sie könnte den Kontakt zum Hausgeburtsteam herstellen. Aber eine Hausgeburt war nicht in meinem Plan vorgesehen, und ich lehnte ab. Gleichzeitig war aber auch nicht vorgesehen, ins Krankenhaus zu gehen. Ich fühlte mich so ohnmächtig und “steckte fest”, ich konnte keine Entscheidung treffen

Doch dann kam ein Impuls von außen, der mich “wieder in Bewegung” brachte. Im Februar sagte mir meine Hebamme, die mich weiter begleitete: „Ich unterstütze für die nächsten zwei Monate das Hausgeburtsteam, und wenn du magst, können wir das so einrichten, dass ich bei deiner Hausgeburt dabei bin.“ Und dann wusste ich: „Yes! Mit dieser Frau gebäre ich auch zu Hause.“

Danach fielen die Entscheidungen wie Dominosteine. Wo sind mein Mann und mein Kind, wenn es losgeht? In welches Krankenhaus komme ich – falls wir mich in Ruhe verlegen müssen? Aber davor – während dieser Ohnmacht – da ging nichts weiter.

Solveig: Ja, man sieht keinen Weg. Man sieht keine Lösung und bleibt dann so in der Hilflosigkeit und Angst stecken. In dem Moment spürt man natürlich keine Handlungsoptionen.

Ulrike: Genau. Ich wusste: Krankenhaus – nee, finde ich nicht gut. Und ich hatte keine Lust, mich noch mal auf eine andere Hebamme einzulassen. Ich war wirklich emotional null dazu bereit.

Solveig: Das war ja auch ein klares Zeichen, oder?

Ulrike: Und dann hat es sich zum Glück gefügt.

Solveig: Das ist ja nichts, was man einfach so wegschieben sollte – die Begleitung in der Geburt. Das ist ja einfach ein enormer Faktor, der auf das Geburtserleben einwirkt.

Ulrike: Ja, und letztendlich: Die Geburt war noch entspannter als die erste, und ich weiß noch, wie ich dann nach der Geburt unter der Dusche stand und dann dachte: „Boah, wieso habe ich das beim ersten Mal nicht gleich schon so gemacht?“ Weißt du, es war alles richtig. Auch danach. Alles total stimmig und fein.

Solveig: Schön. Das erwärmt immer mein Herz!

Entscheidungsgeschichten: Von Geburtsorten und Jobangeboten 

Ulrike: Wollen wir vielleicht noch ein Beispiel einer Entscheidungsgeschichte aufgreifen? Hast du z.B. in letzter Zeit jemanden begleitet, wo du bei einer Entscheidungsfindung unterstützen konntest? 

Solveig: Vor ein paar Wochen schrieb mir eine Kursteilnehmerin, die total hin- und hergerissen war wegen des Geburtsortes. Sie hatte schon unzählige Tipps bekommen von Ärzt*innen, Hebammen, Freundinnen – und auch ihr Partner hatte seine eigenen Vorstellungen. Sie schwankte die ganze Zeit zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und der Art der Begleitung, die sie sich wünschte.

Ich habe ihr dann nicht gesagt: „Mach es so oder so“, sondern mitgegeben, welche Fragen sie stellen könnte – an die Kliniken und auch die außerklinischen Teams. Oft zeigt ja schon die Reaktion, ob man sich dort mit seinen Wünschen ernst genommen fühlt. Gleichzeitig geht es auch darum, innere Blockaden anzuschauen: alte Ratschläge, Ängste, Sorgen.

Im Grunde sind es drei Ebenen: die äußeren Fakten klären, innere Ängste bearbeiten und die Beziehungsarbeit mit der Geburtsbegleitung. Dabei finde ich besonders wichtig: Die Geburt passiert in unserem Körper – wir brauchen einen Ort, an dem wir loslassen können. Die Sicherheit des Partners ist wertvoll, aber sie darf nicht Vorrang vor dem Wohl der Gebärenden haben.

Ulrike: Und – hat sie sich entschieden? 

Solveig: Ja, sie hat sich für eine Klinik entschieden, und tatsächlich habe ich vor Kurzem – deswegen fiel sie mir gerade ein – einen schönen Geburtsbericht von ihr bekommen.

Was total schön war: Nach ihrer Entscheidung, also noch vor der Geburt, klang sie schon ganz anders. Von der Unsicherheit zu – als sie dann die Entscheidung getroffen hatte – totaler Erleichterung. Sie klang klar und bestärkt, dass sie dort hingeht und das ihr Weg ist.

Ulrike: Ja, das ist spannend, dass du das nochmal sagst – dass es ein paar Frauen gibt, die mehr auf ihren Partner schauen – wo der sich wohlfühlt, oder auf ihre Partnerin –, anstatt bei sich zu schauen. Und bei uns war das tatsächlich ähnlich. Ich habe das auch kurz angesprochen, aber da hat mein Mann auch sehr klare Kante gezeigt und gesagt: „Naja, du bekommst doch das Kind, also wir machen das so, wie du das willst.“ Und ich so: „Ach ja, stimmt. Recht hat er. Also wir machen das so, wie ich das will!“

Solveig: Super. Also ich verstehe es schon: Ich will ja nicht die Unsicherheit meines Partners mit im Geburtsraum haben, weil er sich unsicher fühlt. Das ist ja per se erst mal ein guter Instinkt.

Aber ich glaube, dass wir Frauen das auch öfter sozial erlernt haben: „Passe dich an, damit es dann am Ende irgendwie passt.“ Und das ist halt für die Geburt gar nicht hilfreich – gerade wenn es die erste ist, da kann man diese Intensität einfach noch nicht fassen, die aber halt bewirkt, dass es viel, viel wichtiger ist, dass ich mich da wohlfühle. Aber ich lese es immer noch ziemlich oft, dass Frauen schreiben: „Ich wollte eigentlich zu Hause bleiben, aber mein Partner fühlt sich da unsicher, deswegen haben wir gesagt, wir gehen ins Krankenhaus.“

Und es geht auch in dem Moment oft nicht anders, als so zu entscheiden – denn du hast halt deine Infos, deine Ressourcen, die du hast – und mit denen entscheidest du so gut du kannst. Und das ist ja dann auch irgendwo gut so.

Es muss ja auch nicht heißen, dass es dann nicht der richtige Geburtsort war – es kann ja trotzdem eine positive Geburtserfahrung werden. Aber es ist schon spannend – und teilweise erschreckend, finde ich – wie oft dieses Anpassen selbst bei so etwas Wichtigem wie der Geburt anspringt.

Ulrike: Ja, und du hattest es am Anfang gesagt: Man geht ja immer von sich selbst aus und sagt: Das ist so der Normalfall. Mir ist gar nicht in den Sinn gekommen, zu viel Rücksicht auf meinen Partner an der Stelle zu nehmen. Weil das ja meine Entscheidung ist. Und ich fühlte mich da sehr bestärkt darin – so wie er das gesagt hatte. Und tatsächlich war es sogar nachher so, dass es, glaube ich, besser gewesen wäre, ich wäre alleine mit den Hebammen gewesen. Gar nicht, weil er irgendwelche komischen Dinge gemacht hätte, sondern einfach aus diesem „Ich bekomme hier das Kind, und ich fühle mich von den anderen getragen genug.“ Und da geht es nicht darum, dass ich auf meinen Partner Rücksicht nehmen muss. Sondern ich denke mir: Es braucht nicht mehr Leute, als es braucht, weißt du?

Solveig: Da fällt mir Michel Odent ein, ein französischer Pionier der sanften Geburtshilfe, der kürzlich verstorben ist. Er sagte einmal überspitzt: Mit jeder Person mehr im Raum dauert die Geburt eine Stunde länger. Das zeigt, wie wichtig ein ruhiger, geborgener Raum ist.
Ich würde aber immer empfehlen, möglichst eine Geburtsbegleitung dabei zu haben, die sich mit vorbereitet hat – oft ist das der Partner/die Partnerin, es kann auch eine Doula sein, eine Freundin oder jemand anderes. Bei einer 1:1-Betreuung kann teils auch die Hebamme diese Rolle einnehmen. Allerdings nur bedingt – denn sie muss ja gleichzeitig die medizinische Seite im Blick haben.
Ich habe bei meiner Hausgeburt z.B. erlebt, wie hilfreich es war, dass mein Mann und ich uns zusammen vorbereitet hatten. In einem fordernden Moment erinnerte unsere Hebamme ihn daran, etwas anzuwenden, was wir geübt hatten – und es wirkte sofort. Das hätte sie selbst so gar nicht leisten können. Ich fand es schön, wie alles so ineinandergreifen konnte. Für viele Paare ist es auch eine besondere Erfahrung, die Geburt gemeinsam zu erleben – wie ein Teammoment, der auch für den Start ins Elternsein stärken kann.

Ulrike: Ich fand es total spannend – wenn man sich später unterhalten hat. Also wenn man echte, gute Gespräche über Geburt hatte; manchmal sind die ja auch so, ich weiß nicht, „Höher-schneller-weiter-Gespräche“. Aber wenn man wirklich Gesprächspartnerinnen hatte, die sich darauf eingelassen haben, wie unterschiedlich verschiedene Mütter die Rolle ihres Begleiters gesehen haben. Von „Ja, macht man halt so“ zu „Hätte ich mir aber gewünscht“ oder „Ging aus den und den Gründen nicht anders“ – da ist wirklich alles dabei. Und es ist so individuell wie wir Menschen.

Solveig: Ja, absolut. Und wie Geburt per se. Das ist ja immer eine Überraschungsbox.

Ulrike: Absolut.

Ja, ich würde auch noch eine kurze Anekdote erzählen. Ist ein ziemlicher Schwenk auf ein anderes Thema, aber die Situation ist mir noch so präsent: ich habe mal jemanden begleitet, eine Entscheidung für oder gegen ein neues Jobangebot zu treffen. So rein objektiv hat das Angebot Sinn gemacht. Aber die Person hat sich noch so ein bisschen geziert.

Und da meinte ich: Ach komm, lass uns das doch mal mit den logischen Ebenen ausprobieren. Und die ersten beiden Ebenen waren noch voll gut: „Dann ist das und das, und dann würde ich mich so und so verändern, und dann passiert das in meinem Leben.“ Und dann – je weiter wir stiegen – wurde es immer weniger cool. Bis hin zu: „Du, Ulrike, das können wir hier abbrechen. Ich schlag das Angebot aus.“

Je weiter wir wirklich gegangen sind, war klar: Das ist die falsche Entscheidung. Und das kam aber dann nicht über die äußeren Faktoren wie Gehalt und spannende Aufgaben. Sondern es war das Gefühl, und es war die Identität. „Was für ein Mensch bin ich dann, wenn ich diesen Job annehme? Wie verändert sich mein Privatleben? Und ist es das, was ich dann will?“ Und da war ganz schnell klar: Nee, will ich nicht, mache ich nicht.

Und das fand ich auch total toll, weil Entscheidungen treffen ja nicht immer nur heißt: Ich entscheide mich für etwas, sondern kann auch ganz klar sein: Nee, ich entscheide mich dagegen und stattdessen für etwas anderes. Und immer, wenn das so stark rauskommt – weil man sich verbunden hat mit der Identität, dem Kompass „Wie will ich eigentlich sein?“ und dann feststellt: Nee, das passt nicht zu dem, wie ich sein will – dann ist es ganz einfach.

Solveig: Ja, spannend. Ein schönes Beispiel. Wie klar das dann einfach werden kann, ne?

Ulrike: Genau. Beim Entscheidungen treffen ist es manchmal wie mit dem Nebel. Morgens liegt er noch über den Feldern, du siehst kaum etwas und Laufe des Tages lichtet er sich.

Wer schreibt hier?

  • Solveig Dahlheimer

    ist Expertin für Geburtsvorbereitung.

    In den letzten Jahren hat sie werdende Eltern dabei begleitet, ihre Geburt mit Vertrauen, innerer Ruhe und einem prall gefüllten mentalen Methodenkoffer vorzubereiten. Sie verbindet ihre Ausbildungen als Ärztin, Hypnotherapeutin und Tanzpädagogin mit ihrer eigenen Erfahrung als Mutter, um Frauen wirkungsvolle Techniken zur Entspannung und Selbstverbindung zu vermitteln.

    Ihr Fokus liegt auf ganzheitlicher Geburtsvorbereitung um Frauen dabei zu helfen, angstfrei, selbstbestimmt und bewusst in die Geburt und ins Elternsein zu gehen.

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  • Ulrike Wolf

    begleitet Mütter dabei, aus dem Dauerstress des Alltags auszusteigen, ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und echte Verbundenheit im Familienleben zu schaffen. Dabei greift sie auf eigene Erfahrungen als Mutter zweier Kinder, fundierte Coaching-Methoden und ihr Wissen zur Nervensystemregulation zurück.

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