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Das „Wow“-Gefühl: Wie ich Bewegung neu schätzen lernte

Das „Wow“-Gefühl: Wie ich Bewegung neu schätzen lernte

Für mich war Sport lange ein notwendiges Übel: Pflicht statt Kür, Frust statt Freude. Ob im Schulsport, bei dem ich vor versammelter Mannschaft scheiterte, oder bei zahllosen Versuchen, mich mit Fitness oder anderen Aktivitäten anzufreunden – Spaß hatte ich nie. Doch irgendwann machte ich eine überraschende Entdeckung: Nicht der Sport selbst, sondern das „Wow“, das ich dabei empfand, was mein Körper leisten kann, hat mein Verhältnis zur Bewegung verändert – und mir letztendlich die Freude am Klettern gebracht.

Erinnerungen an den Schulsport – Ein Kapitel des Grauens

Aus der Schulzeit habe ich ausschließlich gruselige Erinnerungen an Sport. Als ich in der Grundschule in Unterwäsche turnen “durfte”, weil ich meine Sportsachen zu Hause vergessen hatte. Als mich ein Mitschüler beim Staffelschwimmen in der Oberstufe aufmuntern wollte: “Ulrike alles, was du nun tun musst, ist unseren Vorsprung abbauen.” Den Vorsprung habe ich selbstverständlich abgebaut – den Ausgang der Staffel weiß ich nicht mehr. Informationen darüber, wer wann was gewinnt, sind bis heute für mich so irrelevant, dass mein Gehirn sie gar nicht erst ins Langzeitgedächtnis einsortiert.

Lange Beine und schnelles Gehen sicherten mir in der Jugend oft eine Note Drei – zumindest beim Hoch- und Weitsprung oder dem 1000-Meter-Walk. Doch je älter ich wurde, desto weniger halfen mir diese Vorteile. Die anderen wuchsen ebenfalls, und die Anforderungen stiegen. Immerhin konnte ich später dank Sporttheorie die schlechten Leistungen auf dem Feld durch gute Noten auf dem Papier ausgleichen.

Am schlimmsten waren jedoch die Sportfeste. Dort durfte ich nicht nur meiner Klasse, sondern der gesamten Schule vorführen, dass Sport einfach nicht mein Ding war. Aufwärmen. Rumstehen und warten. Erste Station: Sprint. Rumstehen und warten. Drankommen, wieder einreihen. Rumstehen und warten. Zweiter Durchgang (angeblich, um sich zu verbessern). Rumstehen und warten. Dann zur nächsten Station, wo sich das Elend wiederholte. Ehrlich, ich hätte lieber Matheunterricht gehabt.

Bewegung hat mir einfach keinen Spaß gemacht. Koordination und Geschwindigkeit brachten mich zuverlässig an meine Grenzen. Step-Aerobic ist mein Paradebeispiel: Die ersten 30 Minuten der Stunde habe ich gut hinbekommen. Aber dann begann die Kombination der Schrittfolgen und Musik kam auch noch dazu. Ich habe einfach nur noch irgendwas mit meinen Armen und Beinen gemacht. Bin mir ziemlich sicher, dass es nicht mit dem zu tun hatte, was ich in den ersten 30 Minuten geübt hatte.

Nach der Schule: Der Versuch einer Annäherung

Von den Erfahrungen während meiner Schulzeit wollte ich mich später nicht ausbremsen lassen. Ich ließ mich von einer Bekannten zum Samba-Abend schleppen. Meinen Einwand, dass ich kein Samba tanzen könnte, wischte sie beiseite. Gar kein Problem, zum Anfang gibt es immer ein wenig Unterricht. Da werden die wichtigsten Schritte gezeigt und dann geht’ darum Spaß zu haben. Ok, Spaß haben beim Tanzen, das habe ich – zugegeben, eher im Freestyle und dann auch zu anderer Musik. Aber hey, neue Stadt, neue Herausforderungen. Ich ging mit. Die Musik war wirklich nicht mein Fall, aber davon wollte ich mich nicht abschrecken lassen. Ganz enthusiastisch stand ich in der dritten Reihe (Ich schwöre, es lag nur an meiner Körpergröße, nicht an meinem Engagement!) und machte die Aufwärmübungen mit. Rechts vor bzw. links rück und immer schön aus den Knien federn. Das schien mir machbar. Doch während der Drehungen verlor ich jede Orientierung, trat meinen Tanzpartnern auf die Füße und entschied schließlich, dass Wein trinken und lächeln für mich der bessere Weg sei.

Ein paar Jahre später willigte ich in einen Skiurlaub ein. Zwar war ich in meiner Kindheit mehrfach auf Langlaufskiern unterwegs und hatte nur mäßig Freude dabei, aber alle versicherten mir, dass das nur daran liegen würde, dass Langlauf langweilig wäre. Abfahrtski fahren, das ist das was Spaß macht. Vormittags besuchte ich brav einen Skikurs, nachmittags übte ich am Idiotenhügel. Doch als es nach drei Tagen mit den erfahrenen Skifahrern auf die Piste ging, war es vorbei. Die Hänge waren zu steil, die Abfahrten zu schnell und die Pisten viel zu voll. Meine Ski machten selten, was ich wollte, und meine Begleiter waren voller Tipps, wie ich es „besser“ machen könnte. Während sie es kaum erwarten konnten, wieder zum Lift zu kommen, war ich jedes Mal schweißgebadet und froh, überhaupt unten angekommen zu sein. Der Gedanke, das Ganze zu wiederholen, kam mir nicht in den Sinn.

Sport als Pflichtübung 

Den Sinn von Sport habe ich immer verstanden – als Ausgleich zur sitzenden Büroarbeit ist er wichtig. Also probierte ich Vieles aus. Mit der Zeit bemerkte ich, dass ich mich mit monotonen Bewegungen wie Schwimmen und Radfahren am besten arrangieren konnte. Bis heute macht mir Freude, dass ich zuverlässig auf andere Gedanken komme, wenn ich monoton meine Bahnen ziehe oder in die Pedale trete. 

Auch Krafttraining im Fitnessstudio war hilfreich – vor allem für meinen Rücken. Ich mochte die Effizienz: Rein, umziehen, eine halbe Stunde trainieren, duschen, raus. Dass das Studio auf meinem Nachhauseweg lag, half mir, dranzubleiben. Denn wenn ich die Sportsachen schon den ganzen Tag mit mir herumgeschleppt hatte, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich auch wirklich trainieren ging. Die Gewohnheit, ins Fitnessstudio zu gehen, behielt ich für viele Jahre. Nur Spaß machte das Ganze immer noch nicht. Es war schlicht eine effizient absolvierte Pflichtübung.

Der Wendepunkt: Körperliche Arbeit statt Sport

Mein Verhältnis zu Bewegung änderte sich mit dem Kauf und der anschließenden Kernsanierung unseres Hauses vor über zehn Jahren. Und die Veränderung war nicht durch Sport getrieben, sondern durch die vielen ungewohnten Bewegungen, die ich nun meinem Körper abverlangte. Wände einreißen, Wände wieder aufbauen und verputzen, schweres Zeug durch die Gegend schleppen… Ich mochte das Gefühl meinen Körper zu spüren – auch wenn der meistens total k.o war. Und es war (bzw. ist es bis heute) sehr befriedigend zu sehen, was die eigenen Hände schafften. 

Zugegeben, auch bei all den körperlichen Tätigkeiten rund um Haus und Garten steht der Spaß an der Bewegung nicht an erster Stelle. Es ist mehr das “Wow” darüber, was mein Körper so leisten kann. Aber genau dieses “Wow” treibt mich zur Bewegung an. Genau dieses “Wow” sorgte für die Bewusstheit für meinen Körper. Eine Bewusstheit, die all der Sport mir in den dreißig Jahren davor nicht vermitteln konnte.

Endlich Spaß: Klettern als neue Leidenschaft

Seit sieben Monaten habe ich nun eine Sportart gefunden, die mir tatsächlich Freude macht: Klettern. Es ist faszinierend, wie Körper und Kopf zusammenarbeiten, um eine Herausforderung zu meistern. Und jedes Mal, wenn ich es schaffe, denke ich mir: „Wow“. Zum ersten Mal in meinem Leben genieße ich die Bewegung selbst – nicht als Pflicht, sondern als Spiel.

Wer schreibt hier?

  • Ulrike Wolf

    begleitet Mütter dabei, aus dem Dauerstress des Alltags auszusteigen, ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und echte Verbundenheit im Familienleben zu schaffen. Dabei greift sie auf eigene Erfahrungen als Mutter zweier Kinder, fundierte Coaching-Methoden und ihr Wissen zur Nervensystemregulation zurück.

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