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Dein Atem, dein Anker: ZurĂŒck ins Hier und Jetzt

Dein Atem, dein Anker: ZurĂŒck ins Hier und Jetzt

Unser Atem ist einfach da. Atmen können wir, sobald wir auf die Welt kommen. Wir mĂŒssen nicht darĂŒber nachdenken. Unser Körper erledigt das von ganz allein. Allerdings ist die Atmung die einzige unwillkĂŒrliche Körperfunktion, die wir selbst beeinflussen können. Zum Beispiel wenn wir Kerzen auf dem Geburtstagskuchen auspusten oder wenn wir testen, wie lange wir die Luft anhalten können. 

Dabei hat sich die Natur sicher etwas gedacht oder was meinst du?

Das Wichtigste in KĂŒrze:

  • Du kannst deinen Atem bewusst nutzen, um Sofortwirkung auf Körper und Emotionen zu erzielen – ganz ohne Aufwand und Hilfsmittel.
  • Bewusstes Atmen hilft dir, Stressreaktionen zu reduzieren und klarer, gelassener zu handeln, statt impulsiv zu reagieren.
  • Schon wenige Atempausen geben dir mentale Orientierung und innere Ruhe im herausfordernden Familienalltag.
  • Du schaffst durch gezielte AtemĂŒbungen mehr PrĂ€senz im Hier und Jetzt und nimmst dich selbst bewusster wahr.
  • Atemarbeit ist ein direkter Weg, um Körper, Gedanken und GefĂŒhle in Einklang zu bringen.

Warum funktioniert das Atmen automatisch?

Unsere Atmung ist wirklich ein kleines Wunderwerk. Sie passt sich stĂ€ndig an verĂ€nderte Bedingungen an, sei es beim Lachen, Sprechen oder aufgrund von Emotionen. Sie reagiert auf Situationen wie körperliche Anstrengung und Stress. Das funktioniert meistens reibungslos, weil das Atemzentrum im Hirnstamm die Atmung automatisiert hat. Unser Gehirn analysiert den Kohlenstoffdioxid-Gehalt, ph-Wert und den Sauerstoffgehalt des Blutes. Je nach Ergebnis passt es dann die Atemfrequenz und die Atemtiefe an. 

Wird viel Kohlendioxid im Blut gemessen, erhöht das Atemzentrum die Atemfrequenz, sodass das ĂŒberschĂŒssige Kohlendioxid in den LungenblĂ€schen an die Atemluft abgeben wird.

Ist die Kohlendioxid-Konzentration zu niedrig, wird die Atemfrequenz hingegen verringert.

Nur wenn der Sauerstoffgehalt sehr stark absinkt, werden Alarmsignale an das Atemzentrum gesendet, sodass die Atmung beschleunigt und intensiviert wird. Die weitverbreitete Annahme, dass unser Körper mit der Atmung vor allem Sauerstoff aufnehmen will, können wir also auf den Kopf stellen. Viel wichtiger ist unserem Körper, dass er Kohlenstoffdioxid abgibt – also die Ausatmung.

Welchen Einfluss hat die Atmung auf das Nervensystem?

Der Gasaustausch (Sauerstoff rein, Kohlenstoffdioxid raus) ist bei unserer Atmung ganz vorrangig. Das haben wir ja bereits im Biologieunterricht gelernt. Was wir jedoch nicht unbedingt in der Schule gelernt haben ist, dass die Atmung auch unser vegetatives Nervensystem reguliert. Sie hat direkten Einfluss auf dessen beiden Hauptkomponenten: den Sympathikus und den Parasympathikus. Stell dir die beiden wie die Pedale in einem Auto vor:

Der Sympathikus ist wie das Gaspedal. BetĂ€tigst du es, fĂ€hrt dein Körper hoch und stellt alles bereit, was fĂŒr das Überleben nötig ist. Kampf oder Flucht lautet die Devise. 

Der Parasympathikus hingegen ist das Bremspedal. Wie auch im Auto, ist es dazu da, Dinge zu verlangsamen. Wenn du auf das Bremspedal trittst, sinkt deine Herzfrequenz, verringert sich dein Blutdruck und deine Organe werden wieder besser durchblutet. Du ruhst dich aus, du sammelst Energie fĂŒr die nĂ€chste aktive Phase.

Mit deiner Atmung betĂ€tigst du beide Pedale. Du kannst deine Atmung nutzen, um ganz bewusst sanft auf das Bremspedal deines vegetativen Nervensystems zu treten. Bei einem ungĂŒnstigen Atemmuster trittst du allerdings zu hĂ€ufig oder zu stark auf das Gaspedal. Dann geht es dir wie den Rentnern, die beim Einparken andere Autos demolieren oder durch Schaufensterscheiben krachen


Wie du deine Atmung regulieren kannst

Viele Menschen atmen zu schnell, besonders in stressigen Situationen. Wenn sie Multitasking-Modus sind, anstatt sich auf eine Sache zu konzentrieren. Du vielleicht auch? Dann solltest du ganz bewusst aufs Bremspedal treten, indem du lĂ€nger ausatmest als einatmest. Gezielte AtemĂŒbungen helfen dir dabei, genau das zu ĂŒben und deinen Körper in den Entspannungsmodus zu versetzen. Hier sind drei wirksame Techniken:

Atmung wahrnehmen

Die meiste Zeit des Tages merkst du gar nicht, wie du atmest. Wenn du aber deiner Atmung deine volle Aufmerksamkeit schenkst, verÀndert sie sich bereits, ohne dass du eine bewusste VerÀnderung vornimmst. Probiere es mal aus:

  • Setze dich auf einen Stuhl und rutsche etwas nach vorne, so dass dein RĂŒcken nicht angelehnt ist.
  • Lege die HĂ€nde auf den Schoß und entspanne deine Schultern.
  • Lass deinen Atem einfach kommen und gehen.
  • Nun legst du deine HĂ€nde auf die Brust und achtest darauf, wie sich dein Brustkorb mit der Einatmung hebt und mit der Ausatmung senkt.
  • Dann lege deine HĂ€nde auf deinen Bauch und spĂŒre, wie er sich mit der Atmung bewegt. Mit der Einatmung entspannt er sich, tritt nach außen (er gibt der Lunge Raum, um sich zu fĂŒllen). Mit der Ausatmung zieht er sich nach innen.
  • Als nĂ€chstes legst du deine HĂ€nde seitlich an die unteren Rippen und spĂŒrst, wie sie sich beim Atmen nach außen schieben.

Bei der Vollatmung, also der idealen Form der Atmung, wirst du an allen drei Stellen (Brust, Bauch, Rippen) deutliche Bewegungen spĂŒren.

LĂ€ngeres Ausatmen

Ein verlĂ€ngertes Ausatmen reduziert Stress sofort. Diese Technik kannst du abends zum Einschlafen anwenden, sie lĂ€sst sich aber auch genauso gut in deinen Alltag integrieren. Bei dieser Übung kannst du sitzen, liegen oder stehen.

  • Beobachte deine Atmung fĂŒr bis zu 10 AtemzĂŒge. Achte darauf, wie die Luft durch die Nase einströmt, wieder ausströmt und wie sich dein Oberkörper dabei bewegt.
  • Verlangsame bewusst deinen Atemrhythmus und hole tiefer Luft.
  • ZĂ€hle beim Einatmen bis 3 und beim Ausatmen bis 6. Die Ausatmung sollte doppelt so lang sein wie die Einatmung.
  • Wiederhole diese Übung etwa 10 Mal.

Anschließend lĂ€sst du deine Atmung wieder natĂŒrlich fließen.

Eine Abwandlung dieser Übung ist die 4-7-11 Atemtechnik. Atme vier Sekunden lang tief durch die Nase ein, halte den Atem sieben Sekunden lang an und atme elf Sekunden lang langsam aus. Wiederhole den Zyklus elf Mal und spĂŒre, wie dein Körper zur Ruhe kommt.

Lippenbremse

Auch die Lippenbremse ist eine AtemĂŒbung, bei der die verlĂ€ngerte Ausatmung im Fokus steht. Allerdings wird die Ausatmung durch eine bestimmte Lippenbewegung abgebremst und so fĂ€llt es leichter, langsam auszuatmen. Genau aus diesem Grund hilft diese Technik besonders gut in Stresssituationen. Außerdem ist die Lippenbremse als Einschlafhilfe beliebt.

So wird es gemacht:

  • Nehme eine angenehme Sitzhaltung ein. Die Hand liegt auf dem Bauch.
  • Atme tief durch die Nase ein. SpĂŒre, wie sich dein Bauch nach vorne wölbt.
  • Forme deine Lippen so, als wĂŒrdest du versuchen zu pfeifen.
  • Atme nun durch die gespitzten Lippen wieder aus. Wichtig ist, dass die Ausatmung doppelt so lang ist wie die Einatmung. Die Lunge muss nicht vollstĂ€ndig leer werden.
  • Halte nach der Ausatmung kurz inne und lass den Atem ganz von allein kommen (erzwinge das Einatmen nicht).

Atmung und Achtsamkeit

Mit deiner bewussten Atmung holst du dich zurĂŒck in den Moment. Deine Atmung findet im Hier und Jetzt statt. Lenkst du deine Gedanken zu deiner Atmung, sind sie auch die im Hier und Jetzt und du hast die Möglichkeit, aus dem Gedankenkarussell in deinem Kopf auszusteigen. Alles, was du dafĂŒr tun musst, ist dich auf deine Atmung zu konzentrieren. Wenn dir das gelingt, wirst du fast automatisch etwas lĂ€nger ausatmen als einatmen. Und schon betĂ€tigst du dein Bremspedal.

Die regulierende Wirkung des Atems auf das Nervensystem wird von vielen verschiedenen Praktiken wie der Meditation oder dem Yoga aufgegriffen. Und auch bei AchtsamkeitsĂŒbungen spielt die Atmung eine wichtige Rolle. Mit der Zeit haben wir sehr vielfĂ€ltige Wege gefunden, um uns zu entspannen. Manche Leute schwören auf RĂ€ucherstĂ€bchen, andere auf den “Herabschauenden Hund”. Doch was fĂŒr Entspannung wirklich essentiell ist, hast du bereits bei dir – deinen Atem.

Fazit: Probiere dich aus

Es gibt nicht die eine Atemtechnik, die fĂŒr alle Menschen passt. Mir persönlich liegen AtemĂŒbungen, bei denen ich auch noch andere Körperteile verwende (zum Beispiel bei der 5-Finger Atmung oder bei der Lippenbremse), mehr als das “einfache” verlĂ€ngerte Ausatmen. Teste die verschiedenen Varianten und finde diejenige, die sich fĂŒr dich richtig anfĂŒhlt. Sobald du eine Variante fĂŒr dich gefunden hast, bringt das eine ganz neue QualitĂ€t in deine alltĂ€glichen Pausen.

Wer schreibt hier?

  • Ulrike Wolf

    begleitet MĂŒtter dabei, aus dem Dauerstress des Alltags auszusteigen, ihre eigenen BedĂŒrfnisse wieder wahrzunehmen und echte Verbundenheit im Familienleben zu schaffen. Dabei greift sie auf eigene Erfahrungen als Mutter zweier Kinder, fundierte Coaching-Methoden und ihr Wissen zur Nervensystemregulation zurĂŒck.

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