Dies ist mein eigener Beitrag zu meiner Blogparade 3 Spiele, die mich begleiten.
Seit kurzem haben wir Poesie für Neandertaler zu Hause und egal mit wem wir es spielen, Lachen ist garantiert. Ziel ist es Begriffe zu erklären und dabei nur einsilbige Wörter zu verwenden. Das ist unter Zeitdruck durchaus eine Herausforderung. Ich finde es immer wieder spannend, welche Dynamiken sich im Spiel ergeben. Bei unserer letzten Neandertalerpoesie-Runde haben wir beispielsweise eine bestimmte Begriffserklärung immer wieder erweitert:
Tier macht Pieps. (Vogel)
Tier macht Pieps, nicht in Luft. (Pinguin)
Tier macht Pieps, groß und schnell. (Strauß)
Doch in diesem Artikel soll es nicht um Neandertalerpoesie gehen, sondern um Spiele die mich schon viel länger begleiten.
Eine Partie Räuber-Romme
Die Überstunden, den Schicht- und Bereitschaftsdienst sowie das Kein-Ende-Finden in der Selbstständigkeit kenne ich aus Kinderperspektive ziemlich gut. Meine Eltern haben einfach viel gearbeitet und das war für mich auch nicht merkwürdig. Ich kannte es nicht anders. Alle Kinder in meiner Familie und meinem Freundeskreis waren Schlüsselkind wie ich.
Damals habe ich viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht und meine Oma hat mir allerlei Brett- und Kartenspiele beigebracht. Mensch ärgere dich nicht, Halma, Mühle, Dame, Mau-Mau und Rommé. Am liebsten war ich allein bei ihr, dann musste ich sie beim Spielen nicht mit meiner Schwester oder den älteren Cousins “teilen”.
Oma Christa war eine sehr ausdauernde Spielerin, forderte ich noch eine Runde ein, sagte sie selten nein. Gefühlt wurden unsere Spielrunden nur durch die Zubereitung und das Essen von Mahlzeiten unterbrochen. Außerdem war meine Oma auch richtig gut darin, Spielregeln altersgerecht abzuwandeln. Ich war empört, als mir im Spiel mit anderen gesagt wurde, dass ich bei Mensch ärgere dich nicht gepustet werde, wenn ich meinen Mitspieler nicht rauswerfe, obwohl ich es kann. Und wieso ist es eigentlich verboten, über sich selbst im Haus zu springen?
Am allerliebsten spielte ich mit Oma Christa Räuber-Romme. Erst dachte ich, es sei auch so eine Abwandlung von ihr, da ich später nie Menschen außerhalb meiner Familie traf, die diese Spielvariante kannten. Aber anscheinend ist das nicht so, denn im Spiele-Wiki stehen die Regeln so, wie ich sie von meiner Oma gelernt habe. Räuber-Romme kann ich dir wärmsten empfehlen! Es ist so eine kreative und schnelle Spielvariante, davon kann ich selbst als erwachsene Person nicht genug bekommen. Sobald man einmal rausgekommen ist, ist alles erlaubt. Reihen können auseinandergerissen und komplett neu arrangiert werden, solange immer drei zusammenhängende Karten liegen bleiben. Und falls dein Kind dieses Spiel gerade erst lernt, kannst du dich selbstverständlich etwas tollpatschiger anstellen als du bist.
Bis heute spiele ich gerne kurzweilige Karten- oder Legespiele zu zweit, zum Beispiel Lost Cities oder Othello. Wenn man Runde um Runde spielt, ist es im Grunde egal, wer gewinnt, denn über die Zeit ist es meistens ausgeglichen. Außerdem entstehen beim Spielen Gespräche und das Spiel erfüllt dann eher den Zweck, Menschen zusammenzubringen und Zeit miteinander zu verbringen. Die kompetitive Seite, das Gewinnen ist unwichtig.
Kein Wir gegen Die
Es muss 2014 gewesen sein, als ich bewusst das erste kooperative Brettspiel spielte. Es war das erste Silvester in unserem Haus, einige Räume hatten noch keine Möbel. Aber somit reichlich Platz für Übernachtungsgäste, die auch fein mit Isomatte und Schlafsack waren.
Drei Tage vor Silvester luden wir all diejenigen ein, die weder einen Plan für den Jahreswechsel noch Lust auf die übliche Feierei hatten. Essen und Getränke stellten wir, unsere Gäste mussten besagte Isomatten und Schlafsäcke mitbringen. Und Spiele. Denn unsere Idee war es, den Abend und die Nacht lang zu spielen. Wie sich zeigte, spielten wir auch einfach am nächsten Tag nach dem Frühstück weiter, bis die Gäste am Nachmittag wieder nach Hause fuhren.
Und eben in dieser Silvesternacht spielte ich mein erstes durchweg kooperatives Spiel. Welches es genau war, weiß ich leider nicht mehr. Ich kann mich lediglich daran erinnern, dass wir Forscher waren und in der Wüste nach Artefakten suchten.
Was mir aber in sehr lebhafter Erinnerung geblieben ist, war dieses wow-krass-so-kann-das-also-auch-sein-Gefühl: Wir alle spielen zusammen gegen das Spiel. Entweder gewinnen wir zusammen oder wir verlieren zusammen. Kein wir oder die. Im Vordergrund standen die Absprachen untereinander, das gemeinsame Entscheiden, welchen Schritt wir als nächstes tun werden und das Finden einer Lösung.
Seitdem spiele ich wahnsinnig gerne kooperative Spiele und bin froh darüber, dass es immer mehr davon gibt. Denn häufig erlebe ich diese Spiele als förderlich für die Spielgemeinschaft und spannender als klassische Brettspiele. Es kommt eben nicht darauf an, die längste Handelsstraße zu errichten oder dem Mitspieler eins auszuwischen. Je nach Spieldesign erreicht man das Spielziel nur, wenn verschiedene Mitspieler ihre Ideen austauschen und ihre verschiedenen Talente einbringen.
Auch bei meinen Kindern ist gerade ein kooperatives Spiel hoch im Kurs: Die verdrehte Spuknacht. Trotz aller Strategie und gemeinsamen Überlegen sind die Wege der Geister nur bedingt vorhersehbar. Und gerade weil hier so viel Zufall mit dabei ist, bleibt das Spiel spannend. Selbst nach zwei Jahren kommt es immer wieder vor, dass die Geister verlieren und die Magier nicht rechtzeitig das Schloss verlassen können.
Die Magie der Machtumkehrspiele
Vor ungefähr fünf Jahren habe ich zum ersten Mal ein Machtumkehrspiel gespielt und seitdem ist diese Art von Spiel ein fester Bestandteil im Alltag mit meinen Kindern. Zu Beginn dachte ich, ja gut, was soll da schon groß dabei sein, wenn ich mich schwach zeige und den Kindern die Rolle des Stärkeren übernehmen lasse. Ich sage dir, da ist eine ganze Menge dabei.
So funktionieren Machtumkehrspiele
Du bist der Tollpatsch. Der, der hinfällt, wenn dein Kind mit dem Kissen auf dich einschlägt. Der Angsthase, der vor der Plastik-Spinne flieht. Der Schwächling, der das Joghurtglas nicht aufbekommt, obwohl es bei deinem Kind sofort plopp macht.
Dein Kind ist stark. Mutig. Der, der rettet, der entscheidet, der gewinnt.
Das ist das Prinzip: Du gibst die Kontrollposition freiwillig ab. Ob Kissenschlacht, Erschreck-Spiel oder gespielte Hilflosigkeit, Machtumkehrspiele funktionieren immer nach demselben Schema. Du kannst dich dabei ruhig noch etwas tollpatschiger anstellen, als du wirklich bist.
Bevor ich Machtumkehrspiele kennenlernte, war mir nicht bewusst, dass Kinder sich häufig als ohnmächtig erleben. Aber wenn man nur etwas länger darüber nachdenkt, verwundert es nicht. Denn Kinder sind darauf angewiesen, dass die Großen sie versorgen und ihnen Sicherheit geben. Und auch wenn Eltern mit ihren Kindern liebevoll umgehen, ihnen Wahlmöglichkeiten lassen oder sie in Entscheidungen einbeziehen, gibt es zig Alltagssituationen, in denen Kinder nach der Pfeife der Erwachsenen zu tanzen haben.
Gemäß der Balancetheorie streben Menschen in ihren Beziehungen nach Harmonie bzw. Gleichgewicht. Ungleichgewicht führt zu Spannungen, die die Personen motivieren, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Und genau hier setzen die Machtumkehrspiele an, weil sie Kindern erlauben, aus der Ohnmacht rauszukommen. Sie übernehmen im Spiel dann die Rolle der Bestimmer und stellen wieder ein Gleichgewicht her.
Wenn sie nicht die Möglichkeit über das Spiel haben, Gleichgewicht herzustellen, würden sie andere Wege ausprobieren. Ich sag nur Wutanfälle und Verweigerungshaltung.
Im Familienalltag bin ich aber auf die Kooperation meiner Kinder angewiesen. Also spiele ich mit ihnen, damit sie sich wieder machtvoll erleben. So kann ich mein jüngeres Kind beim Erledigen der Hausaufgaben begleiten, ohne Weinen und Schreien. Ich kann die plötzliche schlechte Laune meines älteren Kindes vertreiben und zwischen beiden die Wogen nach einem Geschwisterstreit glätten. Kurzum, die Machtumkehrspiele will ich auf keinen Fall missen.
Und ich behaupte sogar, dass alle Eltern, die um diese Spiele wissen, den Familienalltag friedvoller gestalten können.
Aber die meisten kennen sie nicht. Ich kannte sie lange auch nicht.
Genau darum gibt es die Spielpause.
In vier Abenden lernst du nicht nur Machtumkehrspiele kennen, sondern auch die anderen Bindungsspiele, die im Alltag wirklich helfen. Das klingt interessant für dich? Hier erfährst du mehr.















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