Ich muss mich nicht rechtfertigen: Wie Neue Autorität bei Mom-Shaming hilft

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Elterncoach Sona Terlohr

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Ich muss mich nicht rechtfertigen: Wie Neue Autorität bei Mom-Shaming hilft

Du stehst am Beckenrand. Dein Kind planscht zum ersten Mal im flachen Wasser, mit zwei Jahren, nicht mit einem. Neben dir sagt eine andere Mutter: „Ach, dein Kind ist noch nicht im Schwimmkurs? Das würde ich aber machen, je früher, desto besser.“

Du lächelst und fängst innerlich an zu rechnen. War das zu spät? Hätte ich früher anmelden müssen? Ist mein Kind jetzt im Rückstand?

Dein Kind weiß von alldem nichts. Es hat gerade eine Wasserfontäne entdeckt. Was die andere Mutter da gemacht hat, nennt sich Mom-Shaming, und es war noch die freundliche Variante.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Mom-Shaming bedeutet, dass Mütter für ihre Erziehungs- und Lebensentscheidungen ungefragt kritisiert oder abgewertet werden.
  • Der Satz selbst tut oft weniger weh als der Rechtfertigungsdruck, den er auslöst: Mache ich es falsch?
  • Neue Autorität setzt auf Präsenz, Selbststeuerung und Beharrlichkeit statt auf Kontrolle. Diese Haltung lässt sich auf Kommentare von außen übertragen.
  • Du musst niemanden überzeugen oder besiegen. Es reicht, deine Position ruhig sichtbar zu machen.
  • Nicht jede Rückmeldung ist Mom-Shaming: Wer dich fragt oder sachlich eine Sorge äußert, verdient ein anderes Gespräch.

Was ist Mom-Shaming?

Mom-Shaming (auch Mum-Shaming) bezeichnet abwertende, beschämende oder ungefragte Kommentare und Erziehungsratschläge zu den Entscheidungen von Müttern. Eine einheitliche wissenschaftliche Definition gibt es nicht, der Begriff kommt aus dem Alltag und den sozialen Medien. Typische Sätze sind „Was, du lässt dein Kind jetzt schon in die Krippe?“, „Das haben wir immer schon so gemacht“ oder „Also ICH würde mein Kind niemals …“. Die Themen reichen von Geburt, Stillen und Schlaf über Beikost und Berufstätigkeit bis zu Schule, Handy und Ausgehzeiten der Teenager.

Die Kommentare kommen von anderen Müttern, aus der Verwandtschaft, von Fremden auf dem Spielplatz oder aus dem Netz. Oft sind sie gar nicht böse gemeint. Sie wirken trotzdem, weil sie bewerten, wie du Mutter bist. Ich kenne das selbst: Schnuller oder nicht, Babytrage oder Kinderwagen, Stillen oder nicht, fliegen mit Neugeborenem, zu viel Sonne, zu kaltes Wasser. Immer weiß jemand etwas, mit Worten oder mit Blicken. Manchmal sogar mit Händen: Ein Fremder streicht ungefragt über den Babybauch.

Nicht jede Rückmeldung ist Mom-Shaming. Wenn du jemanden um Rat fragst oder eine Fachperson sachlich eine Sorge äußert, ist das ein anderes Gespräch. Mom-Shaming beginnt dort, wo ungefragt bewertet wird und es am Ende um dich als Mutter geht, nicht mehr um die Sache.

Warum trifft uns ein einziger Satz so tief?

Weil wir ihn oft anders hören, als er gemeint ist. Vielleicht wollte die andere Mutter nur plaudern. Du hörst trotzdem: Das machst du falsch. Der Satz greift deine innere Sicherheit an, und plötzlich steht eine Frage im Raum, die du dir bis eben nicht gestellt hast: Mache ich es falsch?

Dann fängst du an zu erklären.

„Ja, wir wollten eigentlich schon früher, aber …“
„Unser Kinderarzt sagt …“
„Bei uns ist das halt so, weil …“

Jedes dieser Argumente sagt leise mit: Ich muss mich verteidigen. Und meistens fühlst du dich hinterher nicht sicherer, sondern wackliger.

Dahinter steckt oft Scham. Im Coaching frage ich Eltern dann nach ihrer Schamskala von 1 bis 10: Wie stark ist die Scham gerade wirklich?

Listen mit schlagfertigen Antworten auf Mom-Shaming-Sprüche gibt es genug. Im Ernstfall helfen sie wenig, denn wenn du innerlich wackelst, dann fällt dir perfekte Antwort ohnehin erst zwei Stunden später unter der Dusche ein. Dazu kommt: Schlagfertigkeit ist ein Wettkampf, und im Wettkampf geht es ums Gewinnen. Du musst aber nicht gewinnen. Du darfst in Ruhe zusehen, wie dein Kind planscht.

Was hat Neue Autorität mit Mom-Shaming zu tun?

Die Haltung der Neuen Autorität hilft auch bei Kommentaren von außen: Du bleibst bei dir, statt dich zu rechtfertigen. Neue Autorität ist ein Haltungs- und Handlungskonzept, das der Psychologe Haim Omer entwickelt hat. Es stärkt Eltern darin, präsent zu sein, ohne Zwang und Strafe zu handeln und die Beziehung auch im Konflikt zu halten. Eine kurze Einführung gibt das Systemische Institut für Neue Autorität. Wie das im Familienalltag aussieht, habe ich in meinem Beitrag Was ist Neue Autorität und gewaltloser Widerstand für Eltern und Fachkräfte? beschrieben.

Ursprünglich geht es dabei um Kinder und Jugendliche, nicht um Gespräche am Beckenrand. Die Übertragung auf Mom-Shaming ist meine eigene, kein Lehrsatz aus dem Konzept. Sie liegt für mich trotzdem nah, weil Neue Autorität bei einem Gedanken ansetzt: Selbststeuerung statt Kontrolle. Wir können das Verhalten anderer nicht kontrollieren, nur unser eigenes. Auf die Mutter am Beckenrand übertragen heißt das: Du kannst nicht verhindern, dass sie ihre Meinung sagt. Du kannst entscheiden, wie du dastehst, wenn sie es tut.

Was hilft bei Mom-Shaming? Fünf Schritte aus der Haltung der Neuen Autorität

Bei Mom-Shaming helfen kurze, ruhige Antworten und innere Klarheit, nicht Schlagfertigkeit. Fünf Schritte aus der Neuen Autorität zeigen, wie.

Bei dir bleiben, bevor du antwortest

Der erste Satz, den du dir selbst sagst, zählt. Andere Eltern machen es anders. Das heißt nicht, dass du es falsch machst. Atme einmal durch, bevor du etwas erwiderst (auch wenn es nur eine Sekunde ist), und erinnere dich, warum ihr euch so entschieden habt. In der Neuen Autorität heißt das Präsenz: Du bist da, mit deinem Körper und deiner Haltung, statt in die Verteidigung zu rutschen. Präsenz heißt, innerlich stabil und respektvoll zu bleiben und Verantwortung dafür zu übernehmen, wie du in der Situation auftrittst.

Das heißt für dich: Ein Atemzug, ein Satz an dich selbst, dann erst reden.

Deine Position klar benennen, ohne sie zu erklären

„Nein, bisher nicht. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden.“ Punkt. Du musst keinen Nachsatz anhängen und niemandem erzählen, wie die Entscheidung zustande kam. Ich gebe Eltern im Coaching genau das mit: Formuliere deine Position ruhig und in wenigen Worten, statt dich in endlosen Erklärungen zu verlieren. Das ist keine Technik aus der Neuen Autorität, aber es passt zu ihrer Haltung: ruhig bleiben, klar sein, nicht in die Verteidigung gehen.

Das heißt für dich: Ein Satz reicht. Wer mehr wissen will, fragt nach.

Nicht in den Machtkampf einsteigen

Die andere Mutter findet, Kinder sollten früh schwimmen lernen. Du könntest ihr jetzt das Gegenteil beweisen wollen. Oder du sagst: „Ja, das sehen wir tatsächlich unterschiedlich.“ Das war’s. Wer sich provozieren lässt, steigt in einen Konflikt ein, den eine andere angefangen hat. Du musst niemanden besiegen, um bei deiner Entscheidung zu bleiben.

Du musst auch nicht sofort antworten. In der Neuen Autorität nenne ich das Aufschub: ein Lesezeichen in die Situation legen und später darauf zurückkommen. Kommen die ungefragten Ratschläge immer wieder, von der Schwiegermutter etwa oder der Nachbarin, dann sprich die Person in einem ruhigen Moment darauf an. Zum Beispiel, indem du sagst: „Mir hilft es, wenn du deine Meinung nur sagst, wenn ich dich frage.“ Die Neue Autorität nennt diesen Ansatz „Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist“, ein Prinzip, das hilft, Konflikte im Familienalltag zu entschärfen.

Das heißt für dich: Du musst nicht gewinnen und nicht sofort antworten.

Nicht allein bleiben: Öffentlichkeit, Transparenz und Unterstützung

Mom-Shaming lebt von einem Wettbewerb, den niemand gewinnt: Wer stillt länger, wer geht früher arbeiten, wer bleibt länger zu Hause, wer lässt das Kind allein schlafen. Und Scham wächst im Stillen. Isolation verstärkt sie, Offenheit löst sie. In der Neuen Autorität heißt das Öffentlichkeit und Transparenz: Belastendes gehört nicht ins Verborgene. Und es heißt Unterstützung: Wir müssen nicht alles allein aushalten.

Ein Vater hat mir erzählt, wie er sich auf dem ersten Elternabend der neunten Klasse zu Wort gemeldet und offen gesagt hat, was zu Hause gerade schwierig ist. Er hat nicht um Hilfe gebeten, er hat nur offen gesprochen. Danach haben ihn zwei andere Eltern einzeln angesprochen, die sich in der großen Runde nicht getraut hatten, und er hat sich nicht mehr so allein gefühlt. Offenheit zieht oft Unterstützung an, die man gar nicht erwartet.

Such dir Menschen, bei denen du nichts erklären musst. Eine Freundin, deinen Partner, eine Elterngruppe. Schau dir dein persönliches Unterstützungs-Dorf an: Wer steht wirklich hinter dir, und wo darfst du klarer um Hilfe bitten?

Das heißt für dich: Sprich mit jemandem darüber. Nicht jeder Kommentar muss allein verdaut werden.

Selbst nicht zur Kommentatorin werden

Auch unter Müttern ist der Umgang leider oft eher vergleichend als unterstützend. Das kenne ich von mir selbst, das musste ich mir irgendwann eingestehen. Man ist so überzeugt von etwas, dass man es kaum fassen kann, wenn jemand es anders macht. Deshalb gebe ich mir selbst einen Satz mit: Nur weil es mir nicht gefällt, muss es nicht falsch sein. Und ich frage mich, ob ich es überhaupt kommentieren muss. Du musst nicht die gleichen Entscheidungen wie deine Nachbarin treffen und trotzdem könnt ihr euch gegenseitig unterstützen.

Das heißt für dich: Wenn du das nächste Mal etwas sagen willst, frag dich vorher, ob es gebraucht wird.

Fünf Antworten auf Mom-Shaming aus der Haltung der Neuen Autorität

Du musst keine dieser Antworten auswendig lernen. Sie zeigen nur die Richtung: kurz, ruhig, ohne Nachsatz.

Eine Antwort aus der Haltung der Neuen Autorität

„Das kann gut sein. Wir machen es diesmal anders.“

„Nein. Das ist gerade für uns nicht dran.“

„Für uns passt es so.“

„Das ist völlig in Ordnung. Du musst es ja auch nicht.“

„Danke, ich denke darüber nach.“

Mom-Shaming hört nicht auf, wenn die Kinder größer werden

Falls du denkst, mit dem Schwimmkurs sei das Thema durch, wirst du in der Pubertät eines Besseren belehrt. Die Sätze ändern sich, der Druck bleibt.

Stell dir einen Geburtstagskaffee in der Familie vor. Dein Sohn, 15, hat nach zehn Minuten gegrüßt und ist wortlos nach oben verschwunden. Seine Tante schüttelt den Kopf: „Also bei uns hätte es das nicht gegeben. Da musst du mal durchgreifen. Handy weg, fertig.“ Später siehst du sie die Augen verdrehen, als du ihm trotzdem ein Stück Kuchen hochbringst.

Uff. Und wieder läuft der Film. Habe ich keine Autorität? Bin ich zu weich? Sehen das alle so?

Jetzt spürst du vielleicht eine große Versuchung, dich zu rechtfertigen. Du könntest erklären, dass ihr gerade eine schwierige Phase habt, dass du dranbleibst, dass Handy wegnehmen bei euch nichts bringt. Du kannst aber auch sagen: „Danke, ich bleibe dran. Wir gehen das auf unsere Weise an.“

Hinter dem Satz der Tante steckt ein altes Bild von Autorität: Wer durchgreift, führt. Die alte Autorität setzt auf Distanz, Kontrolle und Gehorsam. Die Neue Autorität setzt auf Präsenz, Beziehung und Beharrlichkeit: Du bleibst im Kontakt, setzt Grenzen ohne Drohung und Strafe und machst dein Verhalten unabhängig vom Verhalten deines Kindes. Von außen sieht das oft nach Nichtstun aus, weil niemand laut und kein Handy eingesammelt wird. Das Stück Kuchen oben im Zimmer ist eine Beziehungsgeste: kein Nachgeben, sondern ein Zeichen, dass die Verbindung steht. Gerade deshalb brauchst du bei Jugendlichen eine dicke Haut gegenüber Kommentaren von außen.

Hilfreich ist, für dich selbst zu klären, was in eurer Familie wirklich nicht verhandelbar ist und was du gerade getrost ignorieren darfst, zum Beispiel Unordnung im Zimmer. Und bei wiederkehrenden Streitthemen lohnt die Frage: Geht es wirklich um Hausaufgaben oder Medienzeit, oder steckt dahinter der Wunsch nach mehr Autonomie?

Haim Omer und Arist von Schlippe formulieren die Haltung der Neuen Autorität so: „Wir kämpfen um dich und um unsere Beziehung zu dir, nicht gegen dich.“ Und Omer bringt es auf den Punkt: „Das Geheimnis der Neuen Autorität ist, dass wir unser Verhalten unabhängig machen vom Verhalten des Kindes!“

Ich ergänze: und unabhängig davon, was die Tante dazu meint. 😉

Du musst Mom-Shaming nicht gewinnen

Eine Antwort aus Neuer Autorität muss nicht schlagfertig sein und nicht überzeugen. Sie muss nur deine Position sichtbar machen.

Zurück zum Beckenrand: die andere Mutter hat ihre Meinung gesagt, du hast deine Entscheidung getroffen. Beides darf nebeneinander stehen bleiben. Und dein Kind planscht weiter.

Bei welchem Satz fängst du am schnellsten an, dich zu erklären? 

Schreib ihn gern in die Kommentare. Ich bin gespannt.

Wer schreibt hier?

  • Elterncoach Sona Terlohr

    Sona Terlohr begleitet Eltern in herausfordernden Familiensituationen mit Klarheit, Beziehung und Haltung. Ihre Ausbildung in Systemischer Präsenz & Neuer Autorität hat sie am Institut Weinheim bei Dennis Haase absolviert, seit 2025 arbeitet sie als Elterncoach.

    Manchmal beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem du aufhörst zu kämpfen und anfängst, präsent zu sein.

    Mehr über Sona erfährst du hier.

    Elterncoach Sona Terlohr

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Frisch kommentiert:

  1. Der Darß ist dafür aber auch genau die richtige Ecke. Dieses Gefühl vom „einfach nicht müssen“ und ohne festen Plan…

  2. Der Gedanke mit dem „nicht müssen“ trifft es ziemlich gut. Genau deswegen bleibe ich bei manchen Titeln immer noch hängen…