Nachmittags auf dem Weg von der Kita nach Hause. Noch 500 Meter zur Bushaltestelle. Kind 1 auf dem Laufrad, Kind 2 im Kinderwagen.
Plötzlich ging gar nichts mehr. Kind 1 blieb stehen, fing an zu weinen und wollte getragen werden. Ich war ratlos. Tragen? Wie denn? Ich habe doch nur zwei Arme. „Du hast doch dein Laufrad, fahr einfach weiter,“ sagte ich. Erst ruhig, dann genervter. Doch nichts half. Es schrie, warf sich auf den Boden, strampelte, tobte.
Und dann kam sie. Eine ältere Dame, die ich noch nie gesehen hatte. Ich wappnete mich innerlich schon für einen tadelnden Kommentar. Doch stattdessen sagte sie: „Wollen Sie, dass ich den Kinderwagen schiebe und das Laufrad trage? Dann können Sie Ihr Kind auf den Arm nehmen.“
Ich war sprachlos. Kind 1 auch. Ich nahm es hoch, wir atmeten beide durch. Und diese Frau? Sie ging einfach bis zur Bushaltestelle mit uns mit.
Diese Szene hat sich mir eingebrannt. Nicht nur wegen der unerwarteten Hilfe. Sondern auch, weil ich spürte, wie hilflos mich ein plötzlicher Wutanfall macht, wie sehr mein Kind in Not war und Verbindung brauchte.
Wut ist ein starkes Gefühl. Und viele von uns haben gelernt: Wut ist schlecht. Sie bedeutet Kontrollverlust. Sie ist laut, unangenehm, peinlich. Dabei hat Wut jede Menge gute Seiten. Und besonders bei Kindern spielt sie eine wichtige Rolle.
Das Wichtigste in Kürze
- Wutanfälle bei Kindern sind normale Ausdrucksformen von Frust und Stress, sie sind keine „bösen“ Verhaltensweisen.
- Sie entstehen, weil Kinder ihre Bedürfnisse und Gefühle noch nicht gut ausdrücken können und autonom/selbst bestimmt sein wollen.
- Wut zeigt Grenzen und Bedürfnisse auf und bietet die Chance für Verbindung, Verständnis und emotionale Entwicklung.
- Während eines Wutanfalls ist es wichtig, ruhig und präsent zu bleiben, statt zu bestrafen oder zu ignorieren.
- Helfen kannst du deinem Kind indem du es emotional begleitest, ihm Sicherheit gibt und Alternativen zum Abbau der Energie anbietest (z.B. auf ein Kissen schlagen).
- Je besser du mit deiner eigenen Wut umgehen kannst, desto leichter fällt es dir, dein Kind durch seinen Wutanfall zu begleiten.
Was ist Wut eigentlich?
Wut ist eine der Basisemotionen in der Psychologie. Sie ist kulturunabhängig, das heißt: Menschen, egal wo sie leben, erkennen Wut am Gesichtsausdruck. Und obwohl sie dazugehört, ist sie bei uns eher unerwünscht. Doch sie hat mindestens drei gute Seiten:
Wut zeigt uns, dass eine Grenze überschritten wurde. Sie ist ein Stoppschild: „Bis hierhin und nicht weiter.“
Wut bereitet unseren Körper auf Aktion (Flucht oder Kampf) vor.
Und sie kann Veränderung anstoßen. Ohne wütende Menschen gäbe es heute wahrscheinlich keine Pressefreiheit und kein Frauenwahlrecht – auf keines von beiden will ich verzichten.
Neugierig geworden?
Wenn du verstehen möchtest, warum wir eigentlich wütend werden, welche Rolle Wut in unserer evolutionären Entwicklung spielt oder wie aus Wut kreative Energie entstehen kann, dann lohnt sich ein Blick in diesen GEO-Artikel. Oder du hörst in die 10-minütige Podcast-Folge “Woher kommt die Wut” von MDR Wissen rein.
Beide Beiträge machen deutlich: Wut hat Energie und diese vorhandene Energie muss raus. Wer Wut permanent unterdrückt, wird auf Dauer krank. Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder.
Warum wird mein Kind so wütend?
Kinder bekommen Wutanfälle aus dem gleichen Grund, wie wir wütend werden: Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Oft geht es um das Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstbestimmung: „Ich will das alleine machen!“ oder “Ich will das anders haben!”
Außerdem haben kleine Kinder oft noch nicht die sprachlichen Mittel, um zu erklären, was genau sie stört. Und wir Eltern sind ja auch nicht immer so aufmerksam, dass wir gleich merken, wo es hakt. Kein Wunder also, dass sich Frust aufstaut, bis er sich entlädt. Je besser sie sich mitteilen können, desto seltener werden Wutanfälle bei Kindern.
Ein anderer Grund für Wutanfälle bei Kindern ist: Stress.
Du denkst vielleicht: „Aber mein Kind hat doch einen Stress. Es war doch den ganzen Tag in der Kita und hat gespielt.“
Klingt entspannt? Ist es aber nicht unbedingt. Ein Tag in der Kita ist für Kinder oft so anstrengend wie ein Arbeitstag für Erwachsene:
- Sie müssen sich an Regeln halten
- Sie müssen sich in Gruppen einfügen
- Sie teilen Spielzeug
- Sie bekommen ständig gesagt, was sie tun sollen
Und falls dein Kind schon zur Schule geht: noch mehr Regeln und noch weniger Raum für Selbstbestimmung.
All das füllt ihr inneres Stressfass. Und irgendwann reicht ein kleiner Tropfen und das Fass läuft über.
Ein Wutanfall ist dann das Ventil. Eine Möglichkeit, den ganzen Stress abzulassen. Und das ist gesund.
Was kannst du tun, wenn dein Kind einen Wutanfall hat?
Das Wichtigste vorab: Jeder Wutanfall geht vorbei, auch wenn dir 20 Minuten wie eine Ewigkeit vorkommen.
Hier kommen ein paar ganz praktische Tipps, wie du dein Kind in einem Wutanfall gut begleiten kannst:
- Bleib ruhig. Atme tief durch.
Wut ist ansteckend. Gelassenheit aber auch. - Bleib da. Auch wenn dein Kind dich wegschickt – bleib in der Nähe.
Sag zum Beispiel: „Ich sehe, dass du richtig wütend bist.“ - Sorge für Sicherheit. Achte darauf, dass dein Kind sich oder andere nicht verletzt.
Vielleicht musst du seine Hände festhalten oder ein Geschwisterkind aus dem Raum bringen. - Biete Alternativen an: Lass dein Kind in ein Kissen boxen, in einen Eimer brüllen oder stampfen wie ein Elefant.
Mache dir immer wieder bewusst: Wut hat Energie und diese Energie muss raus. - Bewerte nicht. Kinder sagen und tun in ihrer Wut oft Dinge, die sie gar nicht so meinen.
Sie brauchen später Verbindung, kein Urteil.
Wenn dein Kind wütet, braucht es vor allem eins: deine emotionale Sicherheit. Du bist sein Fels in der Brandung. Wenn du versuchst, Wut zu unterdrücken oder schnell „wegzumachen“, lernt dein Kind: „Wut ist nicht ok.“
Doch genau das Gegenteil sollte es lernen: Wut ist ein Gefühl wie jedes andere. Und jedes Gefühl darf sein. Es gibt keine guten oder schlechten Emotionen – nur passende oder unpassende Reaktionen.
Was die Wut deines Kindes mit dir zu tun hat
Wut kann uns als Eltern ganz schön fordern. Vor allem, wenn wir selbst gelernt haben, dass man brav und angepasst sein muss.
Wütend sein? Das macht man doch nicht!
Vielleicht triggert dich die Wut deines Kindes deshalb so sehr. Vielleicht löst sie in dir das Gefühl aus, nicht gut genug zu sein. Oder sie erinnert dich an Situationen aus deiner eigenen Kindheit.
Sei ehrlich mit dir.
Was macht die Wut deines Kindes mit dir?
Welche Sätze tauchen in deinem Kopf auf?
Und wie möchtest du wirklich damit umgehen?
Je besser du mit deiner eigenen Wut umgehen kannst, desto leichter fällt es dir, dein Kind durch seinen Wutanfall zu begleiten.
Fazit: Wut ist nicht dein Feind
Versuche sie als Helferin zu sehen. Sie will dir und deinem Kind etwas zeigen. Wenn du lernst, sie willkommen zu heißen, anstatt sie zu bekämpfen, kann aus dem nächsten Wutanfall eine echte Chance werden: für Verbindung, für Wachstum und für gegenseitiges Verständnis.
Ich denke oft an den Moment, in dem ich mein tobendes Kind auf den Arm nahm – weil eine fremde Frau einfach mit angepackt hat. Sie hat nicht bewertet, nicht gefragt, was los ist. Sie hat einfach geholfen. Und genau das brauchen unsere Kinder in solchen Momenten auch: jemanden, der sie (aus)hält. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wenn du dich also fragst, was du bei einem Wutanfall deines Kindes tun kannst, dann denk daran: Es geht nicht ums „Wegmachen“, sondern ums Begleiten. Mit Ruhe, Mitgefühl und dem Mut, präsent zu bleiben, auch wenn’s gerade richtig laut wird.
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