Wie viel von der Person, die ich vorher war, steckt eigentlich noch in mir? In den ersten Jahren nach der Geburt meiner Kinder habe ich mich das oft gefragt. Denn es kam mir vor als würden mir Autonomie und Freiheit durch die Finger rinnen. Zeitweise hatte ich das Gefühl, dass ich mich wie eine Brausetablette auflösen würde. Eins-null für mich: ich bin noch da und das blöde Gefühl ist weg. Aufgelöst hat es sich dadurch, dass ich einen anderen Blickwinkel eingenommen habe. Ich habe nichts verloren, stattdessen ist Neues hinzugekommen. Autonomie und Freiheit sind nicht weg, sie teilen sich nun die Bühne mit der Verantwortung für meine Kinder.
Mama zu sein hat nicht nur meinen Alltag geändert, sondern auch die Art und Weise, wie ich die Welt sehe. In den letzten Jahren habe ich viel über mich selbst, meine Kinder und das Leben im Allgemeinen gelernt. So reihe ich mich mit diesem Artikel gerne in Sinas Blogparade “Das mache ich anders, weil ich Mama bin” ein.
Hier sind einige Dinge, die ich anders mache, seit ich Mutter geworden bin.
Selbstreflexion vs. So ist es
Jeder Tag mit meinen Kindern ist eine Gelegenheit zur Selbstreflexion. Ich frage mich oft, was ich gut mache und wo ich mich verbessern könnte. Es gibt Momente, in denen ich stolz darauf bin, wie ich auf die Bedürfnisse meiner Kinder eingehe, sie tröste oder ermutige. Und dann gibt es diese anderen Momente. Die, in denen ich genervt reagiere. Die Momente, in denen mich irgendetwas triggert und ich ein “altes” Verhalten abspule. Die, in denen ich zweifle. Muss das so sein? Ist das eigentlich richtig?
Diese Reflexion führt mich oft zurück in meine eigene Kindheit. Ich erinnere mich daran, was mir in meiner Kindheit gefallen hat. Und ich erinnere mich daran, was ich mir als Kind gewünscht habe – mehr Verständnis und mehr gemeinsame Zeit mit meinen Eltern. Diese Erinnerungen helfen mir, bewusst Entscheidungen zu treffen und meinen Kindern das geben, was ich damals vermisst habe. Ich möchte, dass meine Kinder sich immer gehört fühlen, unabhängig davon, wie herausfordernd die Situation ist.
Perspektivwechsel vs. Ich habe recht!
Kinder haben die Fähigkeit, die Welt ganz unmittelbar wahrzunehmen. Wir Erwachsenen haben das oftmals verlernt. Durch die Augen meiner Kinder sehe ich Dinge, die ich sonst übersehen würde.
Sie machen mich auf viele Details aufmerksam. Auch darauf, wie ich spreche.
👩 [Reiche die Haarbürste]: Jetzt kannst du dir die Haare kämmen.
👦 Das geht so nicht.
👩 Warum?
👦 Ich brauche einen Kamm zum Kämmen. Die Bürste ist zum Bürsten da.
Sie stellen Dinge in Frage, die ich als gegeben ansehe.
👦 Warum fließt das Wasser nicht zurück in den Wasserhahn?
Oft kenne ich auch die Antworten auf ihre Fragen nicht.
👦 Wieso können Schlangen schlängeln?
👩 Keine Ahnung.
👦 Können wir Menschen das auch?
👩 Mhh… Wollen wir es mal ausprobieren?
Ihre Perspektive hat mein Leben unglaublich bereichert und mir geholfen, wieder einen Sinn für Wunder und Neugier zu entwickeln.
Häufig fällt es mir sehr leicht, mich in meine Kinder hineinzuversetzen. Ihnen gegenüber bin ich verständnisvoll. Ich weiß, dass sie dies oder jenes eben noch nicht können, weil sie es noch nicht gelernt haben. Diese Erfahrung hat auch meine Fähigkeit verbessert, mich in andere (erwachsene) Menschen hineinzuversetzen. Theoretisch weiß ich schon lange, dass mein Standpunkt nur einer von vielen ist. Aber erst durch meine Kinder habe ich gelernt, das auch zu akzeptieren. Das hat mir geholfen, geduldiger und empathischer zu werden, nicht nur mit meinen Kindern, sondern auch mit den Menschen um mich herum. Meine Kinder haben mich kontinuierlich zu einem Perspektivwechsel eingeladen und so habe ich Interesse am Thema Coaching entwickelt.
Hilfe annehmen vs. Ich schaff das ganz alleine
Als Mutter habe ich gelernt, dass ich nicht alles allein schaffen muss. Früher dachte ich, um Hilfe bitten nur die Schwachen. Doch die Realität hat mich gelehrt, dass niemand alles alleine bewältigen kann. Diese Erkenntnis hat mir nicht nur den Alltag erleichtert, sondern auch gezeigt, dass es eine Kompetenz ist, Hilfe zuzulassen. Ich habe gelernt, Hilfe von Familie, Freunden und sogar von Fremden anzunehmen. Es ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von (sozialer) Intelligenz und Bescheidenheit, sich von anderen unterstützen zu lassen. Auch das wusste ich theoretisch schon lange, aber nun kann ich es fühlen. Hilfe anzunehmen – ja erst recht, aktiv danach zu fragen – hat es mir ermöglicht, bessere Beziehungen zu den Menschen um mich herum aufzubauen.
Beispiel gefällig? Wenn mein Mann und ich früher (also in der Zeit vor den Kindern) Gäste hatten war alles tiptop. Die Wohnung war aufgeräumt, das Essen vorbereitet und die Getränke gekühlt. Unser Motiv war nicht Eindruck zu schinden, sondern wir wollten gute Gastgeber sein und dazu gehörte für uns, dass alles entsprechend vorbereitet ist. Wir sind immer noch gerne Gastgeber, aber „aufgeräumt“ ist ein dehnbarer Begriff. Bekommen wir Besuch, ist der Tisch nie gedeckt. Manchmal dürfen die Gäste auch noch beim Schnippeln vom Gemüse oder beim Waschen des Salats helfen. Und das Beste daran ist, dass es niemanden stört. Ganz im Gegenteil. Ich habe den Eindruck unsere Gäste freuen sich mehr darüber, einen Beitrag zum gemeinsamen Essen zu leisten, als sich bedienen zu lassen. Natürlich geht es am Tisch durch die Kinder deutlich turbulenter zu als früher, aber abgesehen davon sind alle entspannter.
Diese Phänomen wird auch ganz wunderbar in About a Boy sichtbar. Dies ist einer der Filme, die ich immer wieder sehen kann, ohne mich zu langweilen. Zu Beginn der Geschichte vertritt der Egomane Will den Standpunkt, dass Menschen wie Inseln sind. Allein im weiten Meer. Ab und zu gibt es lockeren Austausch zwischen den Inseln, ganz ohne Verpflichtungen. Aber das Leben lässt ihn so nicht weitermachen und Will lernt Verantwortung für andere zu übernehmen. Er merkt, was es heißt, einen Unterschied zu machen und andere zu unterstützen. Und er erkennt, dass er selbst Unterstützung benötigt. Am Ende fällt Wills Resümee anders aus: “Jeder Mensch ist eine Insel. Und dazu stehe ich. Aber zweifelsohne gehören manche Menschen zu Inselketten. Unter der Meeresoberfläche sind sie eindeutig miteinander verbunden.”
Verantwortung übernehmen vs. Nach mir die Sintflut
Zugegeben, ich war auch schon vorher kein Mensch, den man verantwortungslos genannt hätte. Aber das Mama sein hat mir eine ganz neue Dimension der Verantwortung eröffnet. Ich bin nicht nur für mein eigenes Leben verantwortlich, sondern auch für das Wohl und die Entwicklung meiner Kinder. Diese Verantwortung ist manchmal überwältigend, aber sie ist auch unglaublich erfüllend.
Für mich ist ein wesentlicher Aspekt dieser Verantwortung der Umgang mit Respekt – sowohl im Alltag als auch in speziellen Situationen. Ich versuche meinen Kindern jeden Tag zu vermitteln, wie wichtig es ist, andere Menschen mit Respekt zu behandeln. Das bedeutet nicht vorrangig „Bitte“ und „Danke“ zu sagen, sondern in schwierigen Situationen respektvoll zu bleiben.
Als mein Ältester mit Sprüchen wie „Was ist grün und stinkt nach Fisch? Werder Bremen!“ nach Hause kam, konnte ich das nicht so stehen lassen. Klar, er fand es witzig und aus dem Mund eines Erstklässlers klingt es erstmal harmlos. Aber die andere Mannschaft und ihre Fans abzuwerten geht gar nicht. Ich erklärte ihm, dass solche Sprüche nicht in Ordnung sind. Zwar leben Fußballspiele von Rivalität, aber das sollte nicht auf Kosten von Würde und Anstand gehen.
Ob auf dem Fußballplatz, im Klassenzimmer oder zu Hause – ich erinnere meine Kinder daran, dass sie für ihr Verhalten verantwortlich sind und dass es immer besser ist, in jeder Situation respektvoll zu handeln. Frei nach dem Motto „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ oder etwas spiritueller „Was du gibst kommt zu dir zurück“.
Außerdem habe ich auch erkannt, wie wichtig es ist, Verantwortung für mein eigenes Wohlbefinden zu übernehmen. Denn nur wenn es mir gut geht, kann ich eine gute Mutter sein. Das bedeutet, auf meine Gesundheit zu achten, mir Pausen zu gönnen und wohlwollender mir selbst gegenüber zu sein. Nur so kann ich meinen Kindern die Werte vorleben, die ich ihnen vermitteln möchte: Respekt, Mitgefühl und Eigenverantwortung.
Fazit
Mama zu sein hat mein Leben in vielerlei Hinsicht verändert. Es hat mich dazu gebracht, mich selbst und meine Handlungen kritisch zu hinterfragen, die Welt mit neuen Augen zu sehen, Hilfe von anderen anzunehmen und Verantwortung nicht nur für meine Kinder, sondern auch für mich selbst zu übernehmen. Ich bin dankbar für die Dinge, die ich gelernt habe, und freue mich darauf, weiter zu wachsen – als Mutter und als Mensch.






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