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Das Johari-Fenster einfach erklärt: Warum du Feedback einholen solltest

Das Johari-Fenster einfach erklärt: Warum du Feedback einholen solltest

Montagmorgen, kurz nach acht. Die KiTa-Tür schließt sich gerade hinter mir. Mein Sohn klammert sich an mich, will sich nicht lösen, seine Augen sind groß und ein bisschen feucht. Ich versuche, ruhig zu bleiben, obwohl ich selbst schon innerlich unter Strom stehe. Seit der große Bruder zur Schule geht, fällt ihm der morgendliche Abschied schwer. 

Beim Rausgehen drehe ich mich noch einmal zur Erzieherin um. „Können Sie mir ehrlich sagen, wie das von außen wirkt? Ich hab das Gefühl, ich mach’s manchmal eher schlimmer als besser.“ Die Erzieherin nickt verständnisvoll. „Mir ist aufgefallen, dass Sie in dem Moment sehr viel reden. Vielleicht hilft es ihm, wenn Sie sich klarer verabschieden – kurz, ruhig und mit einem festen Ritual. Ein Satz, eine Umarmung, ein Winken. Immer gleich. Das gibt ihm Sicherheit.“

Schwupps, da ist sie: eine neue Perspektive. Ein kleiner Impuls mit großer Wirkung.

Feedback kann genau das sein: Ein liebevoller Spiegel, der dir zeigt, was du selbst vielleicht übersehen hast. Den Feedback-Spiegel kannst du dir nicht selbst vors Gesicht halten. Aber andere Menschen können dir helfen, dich selbst klarer zu sehen. Vor allem dann, wenn du sie darum bittest.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Wenn du aktiv Feedback einholst, erkennst du deine blinden Flecken – also die Aspekte deiner Wirkung, die dir selbst nicht bewusst sind.
  • Mithilfe des Johari-Fensters verstehst du besser, was dir selbst bekannt ist, was andere über dich wahrnehmen und was bislang verborgen bleibt.
  • Indem du Feedback zulässt, vergrößerst du den gemeinsamen Bereich von Selbst- und Fremdwahrnehmung und schaffst mehr Klarheit in Beziehungen.
  • Feedback einzuholen erfordert etwas Mut, weil Rückmeldungen nicht immer angenehm sind. Aber genau darin liegt dein Wachstumspotenzial.
  • Mit offenen und konkreten Fragen lenkst du den Fokus auf das, was du wirklich verstehen möchtest.
  • Du darfst Feedback erst einmal nur annehmen und reflektieren, ohne es sofort bewerten oder umsetzen zu müssen.
  • Wenn du regelmäßig Feedback einholst, stärkst du langfristig deine Selbstwahrnehmung, persönliche Entwicklung und Beziehungen.

Was ist Feedback und warum ist es so wichtig?

Feedback ist wie ein Wegweiser auf deinem Entwicklungsweg. Es zeigt dir, wo du stehst, wie du wirkst und in welche Richtung du dich vielleicht noch bewegen kannst. Und das Beste daran: Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Menschen um dich herum nehmen dich wahr, oft ganz anders, als du dich selbst siehst.

Ein Feedback sagt dir, wie dich jemand wahrnimmt. Diese Wahrnehmung wird von drei Dingen beeinflusst.

  • Von dir: Von dem, was du tust oder sagst und wie du es machst.
  • Von den Umständen: In welchem Kontext du etwas tust oder sagst.
  • Vom Feedbackgeber: In welcher Stimmung dein Gegenüber ist und welche Glaubenssätze er mit sich herumträgt.

Zwar hast du Einfluss auf dein Verhalten und du kannst es auch an die jeweiligen Umstände anpassen. Aber darauf, wie eine andere Person dich oder die Umstände wahrnimmt, hast du keinen Einfluss. Stell dir folgende Situation vor:  Montagvormittag, du bist im Büro und die wöchentliche Besprechung im Team beginnt gleich. Es sind noch nicht alle da, du tauschst dich mit einem Kollegen über das Wochenende aus und berichtest über ein lustiges Erlebnis. Dein Kollege lacht, während eine Kollegin genervt mit den Augen rollt.

Im Kern ist Feedback einfach eine Rückmeldung darüber, wie dein Verhalten auf andere wirkt. Und das Beispiel zeigt dir, wie sehr ein Feedback vom Feedbackgeber abhängig ist. Es ist weder Lob noch Kritik per se – sondern eine Perspektive. Manchmal bestätigt sie dich. Manchmal fordert sie dich heraus. Und manchmal bringt sie dich auf ganz neue Ideen.

Viele Menschen scheuen sich davor, Feedback einzuholen. Aus Angst, etwas Unangenehmes zu hören. Oder weil sie denken, sie müssten schon alles richtig machen. Aber ganz ehrlich? Niemand ist perfekt. Und genau deshalb ist Feedback so wertvoll. Es hilft dir, deine blinden Flecken zu erkennen. Also das, was andere sehen, du selbst aber nicht. Es zeigt dir, wo dein Verhalten vielleicht anders rüberkommt, als du es meinst. Und es erinnert dich daran, was du schon alles gut machst, auch wenn du es selbst nicht mehr siehst.

Feedback kann dich wachsen lassen, wenn du bereit bist, hinzuhören.

Und genau hier kommt das Johari-Fenster ins Spiel. Ein Modell, das dir dabei hilft, dich selbst besser kennenzulernen und das Prinzip von Feedback greifbar macht. Klingt trocken? Keine Sorge. Ich erkläre es dir so, dass du was damit anfangen kannst.

Was ist das Johari-Fenster?

Stell dir dein Selbstbild wie ein Fenster mit vier Scheiben vor. Jede Scheibe steht für einen bestimmten Blickwinkel auf dich: Was du von dir weißt. Was andere von dir sehen. Was du lieber versteckst. Und was komplett im Verborgenen liegt.

Genau das beschreibt das Johari-Fenster – ein Modell aus der Psychologie, das dir hilft, dich selbst besser zu verstehen. Entwickelt wurde es von Joseph Luft und Harry Ingham (daher auch der Name Jo-Hari). Es ist simpel, aber richtig wirkungsvoll. Vor allem, wenn du dich persönlich oder beruflich weiterentwickeln willst.

Warum das Modell so hilfreich ist? Weil es dir zeigt, wo du dich öffnen kannst, wo du Feedback brauchst und wo noch unentdeckte Seiten von dir schlummern. Du bekommst ein klareres Bild davon, wie du auf andere wirkst und wo du vielleicht noch an dir arbeiten möchtest.

Und das Beste? Es funktioniert nicht nur im Coaching oder im Büro, sondern auch im ganz normalen Alltag. Bei Gesprächen mit Freunden oder in der Familie.

Die 4 Bereiche des Johari-Fensters – mit Beispielen, die du garantiert kennst

Das Johari-Fenster besteht aus vier Feldern. In anderen Worten: aus vier Blickwinkeln auf dich selbst. Und jeder dieser Bereiche sagt etwas darüber aus, wie viel du von dir zeigst und was andere über dich wissen.

Schematische Darstellung des Johari-Fensters

1. Die Arena (öffentlicher Bereich)

Hier ist alles drin, was du über dich weißt und was auch dein Umfeld über dich weiß. Deine offensichtlichen Stärken, dein Humor, deine Art, wie du mit Menschen umgehst.

Beispiel: Du bist ein Sonnenschein, der mit seiner Energie den Raum füllt und alle um dich herum sehen das auch so.

Je größer die Arena, desto klarer und ehrlicher ist die Verbindung zwischen dir und deinem Gegenüber.

2. Die Fassade (verborgener Bereich)

Hier verstecken sich Dinge, die du ganz bewusst für dich behältst. Zum Beispiel deine Nervosität vor Präsentationen. Oder dass du oft zweifelst, obwohl du nach außen total souverän wirkst.

Dieser Bereich schützt dich. Aber er kann auch dafür sorgen, dass du auf andere unnahbar oder zurückhaltend wirkst.

Wenn du dich bewusst öffnest, wird aus Fassade Vertrauen. Und du vergrößerst deine Arena.

3. Der blinde Fleck

Das sind Seiten an dir, die andere sehen – du aber nicht.

Vielleicht sprichst du sehr schnell, ohne es zu merken. Oder du ziehst beim Zuhören immer die Stirn kraus, was ungewollt genervt wirkt. Diese Dinge merkst du selbst oft gar nicht bis dir jemand ein ehrliches Feedback gibt.

Genau hier zeigt sich, wie wichtig Feedback ist: Es hilft dir, diesen Bereich zu verkleinern.

4. Der unbekannte Bereich

Das ist der mysteriöseste Teil: Was weder du noch andere wissen.

Vielleicht schlummert in dir ein unentdecktes Talent. Oder ein Glaubenssatz, der dein Verhalten beeinflusst, ohne dass du’s merkst. Hier braucht es oft tiefere Reflexion (wie zum Beispiel in einem Coaching) um Licht ins Dunkel zu bringen.

Generelles Ziel ist es, die Arena zu vergrößern – durch Offenheit, Feedback und Neugier. Denn je mehr du über dich selbst weißt (und andere auch), desto klarer, authentischer und leichter wird der Umgang miteinander.

Die Arena im Johari-Fenster durch Offenheit, Feedback und Neugier vergrößern.

Kritik am Johari-Fenster und was du trotzdem daraus lernen kannst

Klar, das Johari-Fenster ist vereinfacht. Es arbeitet mit vier klaren Kategorien und das Leben ist meistens deutlich komplexer. Gefühle, Motive, Beziehungen – all das lässt sich nicht immer so ordentlich sortieren, wie es das Modell vorgibt.

Ein weiterer Kritikpunkt: Das Modell geht davon aus, dass Offenheit immer gut ist. Aber manchmal ist es auch völlig okay (oder sogar notwendig), Dinge für sich zu behalten. Gerade im beruflichen Kontext oder in angespannten Beziehungen kann es sinnvoll sein, eine Fassade aufrecht zu erhalten um sich bewusst zu schützen.

Außerdem hängt der Erfolg des Modells stark davon ab, wie ehrlich das Feedback ist, das du bekommst und wie sicher du dich dabei fühlst. Wenn du in einem Umfeld lebst oder arbeitest, in dem Kritik abgestraft wird oder keine echte Offenheit herrscht, bringt dir das Modell wenig. Ohne Vertrauen keine echte Arena.

Trotzdem bleibt das Johari-Fenster ein super Einstieg, um sich selbst besser kennenzulernen. Es hilft dir, über blinde Flecken nachzudenken, den Mut zur Offenheit zu trainieren und Feedback nicht mehr als Gefahr, sondern als Geschenk zu sehen.

Kurz gesagt: Es ist kein perfektes Tool, aber ein verdammt nützliches.

Das Johari-Fenster anwenden: Feedback im Alltag

Das Modell zeigt uns: Es gibt immer mehr zu entdecken. Je mehr Feedback du bekommst und je ehrlicher du bist, desto klarer wird dein Bild von dir selbst und desto besser wird auch deine Kommunikation. Du verstehst dich selbst besser und kannst gleichzeitig Brücken zu anderen bauen.

Ein Klassiker in der praktischen Anwendung des Johari-Fensters ist die sogenannte Adjektivliste. Hierbei handelt es sich um eine Liste mit positiven Eigenschaften (z. B. aufmerksam, hilfsbereit, selbstbewusst etc.).

So funktioniert es: Du wählst zuerst selbst einige Adjektive aus, die dich deiner Meinung nach gut beschreiben. Danach lässt du andere (z. B. Freunde, Kollegen, Familienmitglieder) aus derselben Liste Adjektive auswählen, die dich ihrer Meinung nach gut beschreiben. Im Abgleich der Ergebnisse zeigt sich:

  • Welche Eigenschaften du und andere gleich sehen → Arena
  • Welche Eigenschaften nur andere sehen → Blinder Fleck
  • Was nur du von dir denkst, aber nicht teilst → Fassade

Zur besseren Übersicht, kannst du die Ergebnisse auch in dieser Vorlage eintragen. Diese Übung ist total hilfreich, um verborgene Stärken zu entdecken und blinde Flecken aufzudecken – ganz ohne Drama.

Wie kannst du deine Fassade bewusst verkleinern? Indem du Dinge über dich teilst, die du bisher eher für dich behalten hast. Zum Beispiel Unsicherheiten, Werte, Überzeugungen oder auch mal Schwächen. Nicht alles muss auf den Tisch, aber ehrliche Einblicke können Vertrauen stärken und Beziehungen vertiefen.

Und was hilft gegen blinde Flecken? Ganz klar: Feedback aktiv einfordern. Frag nach, wie dein Verhalten wirkt. Bitte um ehrliche Rückmeldung. Und ja, das braucht manchmal etwas Mut. Aber der Effekt ist oft erstaunlich bereichernd.

Offenheit auf deiner Seite und Feedback von außen – das sind die beiden Schlüssel, um die Arena zu vergrößern und damit klarer, echter und wirkungsvoller aufzutreten.

Und genau damit geht’s jetzt weiter: wie du konkret Feedback einfordern kannst und worauf du dabei achten solltest.

Feedback einfordern

Feedback verändert deinen Blickwinkel. Andere Menschen lenken durch ihr Feedback deinen Blick auf Dinge, die du selbst übersehen hast. Viele der Dinge, die du tust, sind für dich selbstverständlich. Doch manchmal reicht ein kurzer Kommentar von außen, um dir bewusst zu machen, was du eigentlich schon alles gut machst oder wo du noch nachjustieren kannst.

Viele Menschen konzentrieren sich auf ihre Schwächen. Vielleicht geht es dir auch so. Dir fallen auf Anhieb fünf Dinge ein, die du nicht gut kannst? Aber fünf deiner Stärken? Gar nicht so leicht, oder?

Stell dir mal vor, wie kraftvoll es wäre, wenn du dich regelmäßig daran erinnerst, was du gut kannst und wo andere dein Potenzial sehen. Feedback kann dir genau diesen Perspektivwechsel schenken.

Du solltest aktiv Feedback einfordern, wenn

  • Du lernen willst. Feedback zeigt dir, wo du noch wachsen kannst.
  • Du deine Selbstwahrnehmung verbessern willst. Du erkennst, wie dein Verhalten bei anderen ankommt.
  • Du Erwartungen abgleichen willst. Du erfährst, was andere von dir erwarten – und kannst bewusst entscheiden, ob du dem entsprechen möchtest.

In 5 Schritten zum hilfreichen Feedback

Manchmal wirkt das Thema Feedback ein bisschen groß oder sogar einschüchternd. Muss es aber gar nicht sein! Mit diesen fünf einfachen Schritten kommst du ganz strukturiert zu einem ehrlichen, hilfreichen und vor allem weiterbringenden Feedback:

  1. Das Ziel des Feedbacks festlegen
    • Bevor du loslegst, frag dich: Was genau will ich eigentlich wissen? Willst du dich in einem Bereich verbessern? Klarheit in Bezug auf eine bestimmte Situation gewinnen? Erwartungen an dein konkretes Verhalten abgleichen oder einfach mal hören, wie du wirkst? Wenn dein Ziel klar ist, wird alles andere einfacher.
    • Es gibt zwei grundsätzliche Situationen, in denen ich dir empfehle, aktiv Feedback einzufordern. Wenn du dir einer Sache unsicher bist und wenn du an deiner persönlichen Entwicklung arbeiten möchtest. 
  2. Feedbackgeber identifizieren
    • Wen fragst du? Je nach Ziel kann es sinnvoll sein, unterschiedliche Menschen anzusprechen: Kollegen, Vorgesetzte, Freunde, dein Partner oder jemand, der dich kaum kennt. Jede Perspektive bringt einen anderen Blickwinkel. 
      • Kritische Menschen zeigen dir Risiken.
      • Optimistische Menschen machen dir Mut.
      • Erfahrene Menschen geben dir Tipps.
      • Menschen mit einer anderen Meinung zeigen dir deine blinden Flecken.
    • Wichtig: Die Person sollte ehrlich, konstruktiv und bereit sein, dir wirklich etwas mitzugeben.
  3. Zeitpunkt und Rahmen festlegen
    • Feedback braucht Raum. Such dir einen Moment, in dem ihr ungestört seid. Kein Gespräch zwischen Tür und Angel, sondern mit Ruhe und echtem Interesse.
    • Sag deinem Gegenüber am besten vorher, worum es geht. So kann er oder sie sich auch innerlich darauf vorbereiten.
  4. Feedbackfragen stellen
    • Jetzt wird’s konkret. Stell gezielte Fragen – je klarer, desto hilfreicher.
      Denk dran: Eine gute Frage bringt bessere Antworten als ein vages „Na, wie war ich?“.
    • Weiter unten findest du viele Beispiele, die du direkt verwenden kannst.
  5. Feedback annehmen
    • Das Wichtigste kommt zum Schluss: Zuhören, nicht verteidigen. Auch wenn’s schwerfällt.
    • Bedank dich, mach dir Notizen, frag nach, wenn du etwas nicht verstehst. Und dann: Überleg in Ruhe, was du daraus machst.

Ob du das Feedback direkt umsetzt oder nicht, bleibt deine Entscheidung. Aber allein das Einholen zeigt: Du bist bereit, an dir zu arbeiten. Und das allein ist schon ein riesiger Schritt.

So fragst du richtig – Zeitpunkt, Rahmen und gute Feedbackfragen

Wenn du dir Feedback wünschst, ist nicht nur wichtig, was du fragst – sondern auch wann und wie du fragst. Der Kontext entscheidet oft darüber, wie ehrlich, hilfreich und wirkungsvoll die Rückmeldung ist, die du bekommst.

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

  • So bald wie möglich nach der Situation, auf die sich dein Feedbackwunsch bezieht. Frisch im Gedächtnis = konkreter und ehrlicher.
  • Nicht zwischen Tür und Angel. Wähle einen Moment, in dem dein Gegenüber Zeit und Ruhe hat.
  • Nicht in Stresssituationen. Niemand gibt gerne gutes Feedback, wenn der Kopf noch bei zehn anderen To-dos ist.

Welcher Rahmen passt?

  • Finde einen unverbindlichen, vertrauensvollen Ort. Ein Café, ein Spaziergang, oder ein ruhiges 1:1-Meeting.
  • Gib deinem Gegenüber die Möglichkeit, sich innerlich vorzubereiten. Eine kurze Ankündigung wie „Ich würde gern mal deine Sichtweise zu XY hören“ wirkt Wunder.
  • Wenn du magst, kündige deine Fragen vorher an. Das kann helfen, ehrlich und überlegt zu antworten. Außerdem vermeidest du so eine Überforderung und bekommst durchdachtere Antworten.

Welche Fragen passen zu welcher Situation?

Beim Formulieren deiner Fragen kannst du dich an zwei einfachen Prinzipien orientieren:

  • Offene W-Fragen (vor allem “Was…? und “Wie… ?”) laden dein Gegenüber dazu ein, ehrlich und ausführlich zu antworten – ganz ohne Ja/Nein-Falle.
  • WWW-Methode: Stell Fragen entlang von Wahrnehmung, Wirkung und Wunsch. Damit bekommst du Rückmeldungen, die nicht nur beschreiben, was war, sondern auch, wie es empfunden wurde und was sich dein Gegenüber vielleicht wünschen würde.

Und hier nun ein paar ganz konkrete Beispiele für Feedbackfragen.

Wenn du die allgemeine Stimmungslage in deinem Umfeld erkunden willst:

  • „Wie hast du XY erlebt?“
  • „Was ist dir besonders aufgefallen?“
  • „Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie hast du XY erlebt?“ (und dann: „Was hätte es gebraucht, um eine 10 zu erreichen?“)

Wenn du deine Wirkung auf andere besser verstehen willst:

  • „Was hast du gedacht, als ich XY gesagt oder gemacht habe?“
  • „Wie empfindest du meine Reaktionen, wenn wir streiten?“
  • „Hast du das Gefühl, dass ich wirklich zuhöre?“
  • „Was macht es dir leicht oder schwer, dich mir anzuvertrauen?“

Wenn du konkrete Vorschläge in Bezug auf dein Verhalten willst:

  • „Was hätte ich tun können, damit es für dich besser gewesen wäre?“
  • „Gibt es etwas, bei dem ich mir selbst im Weg stehe?“
  • „Ist dir in den letzten Wochen eine Veränderung bei mir aufgefallen?“
  • „Wenn du in meiner Situation wärst – was würdest du tun?“

Wenn du Feedback zu einer konkreten Situation willst:

  • „Wie hast du mein Verhalten gestern Abend empfunden?“
  • „Gab es etwas, das dich geärgert oder verletzt hat?“
  • „Habe ich dich in dem Moment unterstützt oder eher verunsichert?“
  • „Wie hast du meinen Auftritt beim Meeting gestern erlebt?“
  • „Gab es etwas, das dich überrascht oder irritiert hat?“
  • „Was hätte ich deiner Meinung nach besser machen können?“

Wenn du Erwartungen abgleichen willst:

  • „Was wünschst du dir eigentlich mehr von mir?“
  • „Gibt es etwas, bei dem du dir Veränderung wünschst?“
  • „Was würde unsere Beziehung für dich noch angenehmer machen?“
  • „Was erwartest du von mir in unserer Zusammenarbeit?“
  • „Was brauchst du, damit du dich im Team mit mir wohlfühlst?“
  • „Wenn du in meiner Rolle wärst – worauf würdest du besonders achten?“

Wenn du deinen blinden Fleck erkunden willst:

  • „Gibt es etwas, das ich vielleicht selbst nicht bemerke, du aber schon länger beobachtest?“
  • „Gibt es etwas, das ich öfter tue oder sage, das dich irritiert?“
  • „Hast du den Eindruck, dass ich manchmal unbewusst etwas aussende, das nicht zu meinen Absichten passt?“

Diese Fragen sind keine „Tests“ oder „Verhöre“, sondern echte Einladungen zur Verbindung. Wenn du mit ehrlichem Interesse fragst und offen zuhörst, entstehen daraus oft richtig wertvolle Gespräche.

So reagierst du souverän auf Feedback

Wenn dir jemand Feedback gibt, hast du die Chance, zu wachsen. Aber nur, wenn du auch richtig damit umgehst. Hier ein paar einfache Schritte, wie du souverän reagierst:

  • Aktiv zuhören und NICHT rechtfertigen.
    Sei präsent und konzentriere dich ganz auf das, was die andere Person sagt. Lass sie ausreden, unterbrich nicht, auch wenn es schwerfällt.
    Selbst wenn du innerlich sofort in die Verteidigung gehst: Lass das Feedback erstmal stehen. Rechtfertigungen verhindern, dass du wirklich etwas aus dem Feedback lernst.
  • Nachfragen, wenn etwas unklar ist.
    Sag zum Beispiel: „Was genau meinst du damit?“ oder „Kannst du mir ein Beispiel nennen?“ So vermeidest du Missverständnisse.
  • Bedanken – immer.
    Auch wenn das Feedback unangenehm war oder dich überrascht hat: Ein ehrliches „Danke“ zeigt, dass du es ernst nimmst und schätzt. Schließlich hast du gerade ein Feedback bekommen. Dein Gegenüber hat sich dir mitgeteilt und eine kurze Rückmeldung ist nur fair. Selbst wenn du das Feedback gar nicht angefordert hast, legst du mit einem kurzen “Danke” den Grundstein für eine dauerhaft stabile Beziehung.
    Hier ein paar Formulierungsvorschläge:
    • “Danke für deine Rückmeldung.”
    • “Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir deine Sichtweise mitzuteilen.”
  • Optional: Notizen machen.
    Es ist sinnvoll, wenn du dir ein paar Notizen zum Feedback machst. Insbesondere dann, wenn du komplexes Feedback erhalten hast.
  • Erstmal wirken lassen.
    Du musst nicht sofort reagieren oder etwas ändern. Schlaf drüber. Sortiere deine Gedanken. Und dann entscheide in Ruhe, was du mit dem Feedback anfangen willst. So schaffst du eine offene Feedbackkultur und wirst Schritt für Schritt klarer, reflektierter und authentischer.

Und wenn du soweit bist, machst du dich an die Detektivarbeit, um herauszufinden, ob dieses Feedback hilfreich für dich ist. Lenkt es deinen Fokus auf Stellen, die dir nicht bewusst waren? Hat es ein Thema angesprochen, an dem du weiterarbeiten möchtest? Hast du einen Tipp bekommen, der dir helfen kann, etwas zu verbessern? 

Gehe in jedem Fall offensiv mit dem Feedback um. Selbst wenn du keine Verbesserungspotentiale für dich ableitest oder nichts neues über dich gelernt hast, hast du etwas über die Sichtweise deines Gegenübers gelernt.

So kannst du mit Bewertungen umgehen

Viele Menschen haben gar nicht gelernt, richtig Feedback zu geben. Sei dir deshalb bewusst, dass du mitunter Bewertungen erhältst und kein “reines” Feedback. Und von solchen Bewertungen darfst du dich abgrenzen. Besonders dann, wenn die Bewertung negativ ist. Eine Bewertung sagt IMMER mehr über die Person aus, die sie ausspricht aus als über die Person, die bewertet wird.

Solltest du mit einer Bewertung konfrontiert werden, lass sie erstmal stehen. Möchtest du trotzdem etwas aus diesem Feedback lernen, könntest du das Gespräch auf einen konkreten Handlungsvorschlag lenken.

“Verstehe ich es richtig, du findest…?”

“OK, du hattest es dir anders vorgestellt. Wie hätte es denn deiner Meinung nach besser laufen können?”

Indem du nach einem konkreten Vorschlag fragst, holst du dein Gegenüber aus seiner bequemen Meckerhaltung heraus. Kommt nun kein konkreter Handlungsvorschlag, kannst du das Feedback getrost beiseite legen. Hier wollte nur mal jemand Dampf ablassen und nicht konstruktiv sein.

So vermeidest du typische Fehler beim Feedback-Einholen 

Auch beim Feedback-Einholen kann man ordentlich danebenliegen. Hier sind vier häufige Stolperfallen und was du stattdessen tun kannst:

  • Zu vage fragen
    Fragen wie „Na, wie fandest du’s?“ führen selten zu brauchbaren Antworten. Das ist wie ins Leere greifen.
    Besser: Stell konkrete, offene Fragen. Zum Beispiel: „Was ist dir bei meinem Verhalten aufgefallen?“ oder „Gab es etwas, das dich irritiert oder positiv überrascht hat?“
  • Feedback ignorieren oder persönlich nehmen
    Wenn du Feedback nur hörst, um es dann gleich wieder abzutun oder dich angegriffen fühlst, bringt es dich nicht weiter.
    Besser: Nimm Feedback erstmal an. Frag nach, wenn du etwas nicht verstehst, und schlaf ruhig eine Nacht drüber, bevor du etwas daraus ableitest.
  • Nur positives Feedback hören wollen
    Klar, Lob fühlt sich gut an. Aber echtes Wachstum entsteht da, wo du auch kritische Rückmeldungen zulässt.
    Besser: Mach deutlich, dass du offen für alle Perspektiven bist – auch für die unangenehmen. Das stärkt dein Selbstbild und deine Beziehungen.
  • Zu viele Leute auf einmal befragen
    Wenn du zehn Leute nach Feedback fragst, wirst du zehn verschiedene Antworten bekommen und wahrscheinlich mehr Verwirrung als Klarheit.
    Besser: Such dir gezielt 1–3 Personen aus, die deine Situation gut kennen und denen du vertraust. Qualität statt Quantität!

Fazit: Feedback ist der Schlüssel zu echtem Wachstum

Vielleicht erinnerst du dich noch an die Szene vom Anfang. Montagmorgen, kurz nach acht. Mein Sohn klammert sich an mein Bein, seine Augen groß und feucht. Ich stehe da, unsicher, hilflos, innerlich angespannt und frage die Erzieherin um ihre Sicht. Eine ehrliche Rückmeldung. Kein Vorwurf. Nur ein kleiner, klarer Hinweis, der alles verändert hat: Kürzer. Ruhiger. Wiederholbar.

Genau das ist die Kraft von Feedback. Es öffnet Türen. Es zeigt dir Wege, die du allein vielleicht nicht gesehen hättest. Und manchmal braucht es nur einen Satz von außen, um etwas in Bewegung zu bringen.

Wenn du beginnst, offen mit Feedback umzugehen, veränderst du nicht nur dich selbst, sondern auch deine Beziehungen. Du entwickelst mehr Bewusstsein, mehr Vertrauen und letztlich mehr Selbstwirksamkeit.

Also, trau dich: Hol dir Feedback. Stell deine Fragen. Sei neugierig. Und erlaube dir, daran zu wachsen.

Wer schreibt hier?

  • Ulrike Wolf

    ist Mama-Coach, Mutmacherin und Möglichmacherin.

    Sie begleitet Mütter dabei, aus dem Dauerstress des Alltags auszusteigen, ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und echte Verbundenheit im Familienleben zu schaffen. Dabei greift sie auf eigene Erfahrungen als Mutter zweier Kinder, fundierte Coaching-Methoden und ihr Wissen zur Nervensystemregulation zurück.

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