Es ist Nachmittag, und dein Kind beugt sich mit Widerwillen über die Hausaufgaben. Du schaust zu, besorgt über den langsamen Fortschritt. Du gehst hin, wirfst einen Blick ins Heft und zeigst einen Fehler. Gereizt kommt: „Warum musst du immer auf alles achten?“ Du bleibst ruhig, erklärst: „Es ist wichtig, genau hinzuschauen. Das hilft dir fürs nächste Mal.“ Und trotzdem kocht der Ärger hoch: „Du verstehst das nicht! Ich will das einfach nicht machen!“ Der Streit zieht sich, die Motivation ist im Keller – und die Aufgaben sind noch lange nicht fertig…
In diesem Beitrag gebe ich dir 5 Tipps an die Hand, damit Hausaufgaben bei euch künftig entspannt über die Bühne gehen.
Warum werden Hausaufgaben aufgegeben?
Hausaufgaben festigen das im Unterricht Gelernte und helfen Kindern, Wissen eigenständig anzuwenden. Sie fördern Selbstdisziplin, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, sich die Zeit gut einzuteilen. Außerdem geben sie Lehrkräften Einblick in den Lernstand der Kinder und ermöglichen gezielte Unterstützung.
Soweit die Theorie. In der Praxis sorgen Hausaufgaben oft für Frust – bei Kindern und bei uns Eltern.
Warum will mein Kind keine Hausaufgaben machen?
Kinder kooperieren in der Schule viel und zu Hause wollen sie wieder die Balance zwischen Selbst- und Fremdbestimmung herstellen. Und sie wollen den ganzen Stress, der sich tagsüber angesammelt hat, entladen. Hausaufgaben können da der Auslöser für Tränen oder Wut sein.
Nimm das bitte nicht persönlich. Dein Kind hat auch einen langen Tag hinter sich. Und Schule ist mindestens so anstrengend wie ein 8-Stunden-Arbeitstag für dich. Was brauchst du, wenn du gestresst nach Hause kommst? Wahrscheinlich keine Erinnerung daran, dass Bügelwäsche und Steuererklärung auf dich warten. Sondern eher ein wenig Ruhe, eine Umarmung oder etwas, das dich auf andere Gedanken bringt.
Gut gemeinte Hilfe und ihre Folgen
Als mein Kind in die Schule kam, malte ich mir das so aus: entspannt Mittag essen, ein bisschen scherzen und dann locker die Hausaufgaben erledigen. Kann ja nicht so schwer sein. Pustekuchen!
Was leicht begann, wurde mit jedem Schulmonat anstrengender – auch wegen meiner eigenen Ansprüche. Entdeckte ich ein falsch geschriebenes Wort, machte ich mein Kind darauf aufmerksam, zeigte die richtige Schreibweise und bat, es noch einmal zu schreiben. Gut gemeint, wenig hilfreich.
Kein Wunder, wenn ich an meine eigene Schulzeit denke: Meine Mutter kontrollierte abends meine Hefte. Fand sie Fehler, schrieb sie die Wörter korrekt in ein Extra-Heft; ich sollte sie am nächsten Tag dreimal abschreiben. Vorher war ich jedoch wütend, schleuderte das Heft und schimpfte wie ein Rohrspatz. Diese Mischung aus Wut und Ohnmacht spüre ich bis heute, wenn ich daran denke.
Und nun schien sich die Geschichte zu wiederholen: Kein Extra-Heft, aber meine gut gemeinte Unterstützung machte mein Kind wütend. Wir stritten, und mir brach das Herz. Verdammt, keine Hausaufgabe ist es wert, dass ich mich mit meinem Kind streite! Zum Glück habe ich für uns einen anderen Weg gefunden.
Mein neuer Umgang mit Hausaufgaben
Zugegeben, bei den Hausaufgaben hatte ich mich verrannt – in meinen eigenen Ansprüchen und Vorstellungen. Erst als ich losgelassen habe, wurde es für uns beide entspannter.
Wie kann ich die Hausaufgaben kontrollieren?
Unsere Streitigkeiten waren mein Startsignal für Selbstreflexion. Mein innerer Dialog klang so:
👩 Warum möchte ich seine Hausaufgaben kontrollieren?
🤷 Will ich ja gar nicht! Das macht man doch so.
👩 Macht “man” das wirklich so?
🤷 ???
👩 Oder denke ich nur, dass es von mir erwartet wird?
🙆 Ah! Also handle ich aus dem Gefühl heraus, dass es von mir erwartet wird, eine „gute Mutter“ zu sein.
👩 Ja, da könnte etwas dran sein.
🤦 Und eigentlich sind es ja seine Hausaufgaben. Er sollte dafür Verantwortung übernehmen, nicht ich.
Selbstreflexion öffnet Türen. Zwei Gedanken haben alles verändert: (1) die vermeintlichen Erwartungen von außen und (2) die Erkenntnis, dass es nicht meine Aufgabe ist, Fehler zu korrigieren. Die Schule möchte die Leistung meines Kindes bewerten, nicht meine.
Inzwischen sehe ich meine Rolle nicht mehr in der Kontrolle. Ja, mein Verhältnis zu Bewertungen und Schulnoten ist ambivalent. Leistung ist mir wichtig – trotzdem sind Bewertungen Momentaufnahmen. Wichtiger ist mir, dass meine Kinder lernen und wachsen, Kompetenzen aufbauen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Kinder sind von Natur aus neugierig – sofern Inhalte für sie Sinn ergeben. Meine Aufgabe: diese Neugier aufrechtzuerhalten.
Wenn ich doch mal ins Heft schaue und das Bedürfnis habe, auf Fehler hinzuweisen, nutze ich den „Lupen, die zu Sonnen werden“-Trick: Ich markiere die Stelle mit einer kleinen Lupe. Das ist das Zeichen für mein Kind, dort noch mal hinzuschauen. Meist findet es selbst die Lösung. Ist die Korrektur richtig, mache ich aus der Lupe eine Sonne.
Wie kann ich bei den Hausaufgaben unterstützen?
Meine Unterstützung heißt: befähigen statt übernehmen. Ich helfe meinem Kind, Verantwortung zu tragen – und schaffe gute Rahmenbedingungen. Zum Beispiel, indem ich mit dem Geschwisterkind spiele, damit es nicht ablenkt. Oder indem ich Hilfe anbiete, wenn mein Kind feststeckt. Oder indem ich bestärke, wenn etwas noch nicht gelingt:
„Du kannst es noch nicht.
Mir ging es früher auch so.
Ich habe geübt, und jetzt fällt es mir leicht.“
Indem ich mich auf die Rahmenbedingungen konzentriere und mein Kind bestärke, helfe ich ihm dabei, Verantwortung zu übernehmen und die Hausaufgaben erfolgreich zu erledigen.
5 Tipps an dich für einen entspannten Umgang mit den Hausaufgaben
Es gibt nicht den einen richtigen Weg für alle Familien. Aber es gibt Ideen, die dich inspirieren können, euren eigenen zu finden. Hier sind fünf Tipps, die dir Orientierung geben und vielleicht schon morgen für weniger Druck und mehr Leichtigkeit sorgen.
Reflektiere deine Rolle
Nimm dir Zeit, deinen Anteil an der verflixten Hausaufgaben-Dynamik zu erforschen. Und ergründe deine eigenen Motive. Die folgenden Fragen können dir dabei helfen.
- Was ist deine Verantwortung?
- Was ist die Verantwortung deines Kindes?
- Was meinst du zu gewinnen, wenn du deinem Kind bei den Hausaufgaben hilfst?
- Was setzt du dadurch aufs Spiel?
- Woran bemisst du Leistung?
Selbstreflexion musst du nicht allein im stillen Kämmerlein betreiben. Sprich mit anderen Eltern. Und wenn du merkst, dass du allein nicht weiterkommst: ein professionelles Coaching kann unterstützen.
Denke in Wachstum statt Grenzen
Die Neurowissenschaften haben gezeigt, dass unser Gehirn nie fertig ist. Unabhängig von unserem Alter sind wir Menschen in der Lage, immer wieder Neues zu lernen. Ob wir das wirklich tun, hängt allerdings davon ab, ob wir glauben, dass Fähigkeiten angeboren sind (fixed mindset), oder ob wir glauben, dass Fähigkeiten erworben werden können (growth mindset). Im angelsächsischen Raum wird das auch bereits in der Lehrerausbildung thematisiert.
Interessant ist, dass die meisten Menschen beide Denkweisen in sich tragen. Eben nur auf verschiedene Kontexte bezogen. Du wirst mir wahrscheinlich zustimmen, wenn ich sage “Autofahren kann man lernen.” Aber wie sieht es mit anderen Fähigkeiten aus? Hättest du gern Schlagzeug gelernt, aber es nie getan, weil jemand dir erzählt hat, dass du nicht musikalisch wärst?
Angenommen, dein Kind müht sich mit den Rechenaufgaben und du sagst “Macht nix. Mathe kann ich auch nicht.” Dann wird deine Aussage dazu beitragen, dass dein Kind glaubt, dass es Mathe nicht kann. Und wenn dein Kind das wirklich glaubt, dann fällt ihm der Matheunterricht schwerer. Ermutige lieber den Prozess statt das Ergebnis.
Statt Adjektiven (fixed mindset 🔒) nutze Verben (growth mindset 🚀).
Beispiel 1:
🔒 Ohje, das ist ja alles falsch. Na ja, Mathe ist eben nicht dein Ding.
🚀 An der Stelle sehe ich, dass wir XY nochmal wiederholen müssen. Super, dass du dir trotz der schweren Aufgabe so viel Mühe gegeben hast.
Beispiel 2:
🔒 Richtig, sehr schlau!
🚀 Gut nachgedacht. Du hast die richtige Lösung gefunden.
Bringe Leichtigkeit ins Lernen
Kennst du das: Schon beim Wort „Hausaufgaben“ sinkt die Stimmung? Genau hier können Humor und Kreativität helfen. Mit spielerischen Elementen machst du die Lernzeit entspannter und dein Kind bleibt neugierig.
Bindungsspiele
Wie eingangs erwähnt, haben Kinder ein großes Bedürfnis danach, die Balance zwischen Selbst- und Fremdbestimmung wiederherzustellen und den Stress, der sich tagsüber angesammelt hat, abzubauen. Du kannst dein Kind dabei unterstützen, indem du ihm Bindungsspiele anbietest. Jedes Lachen, dass du deinem Kind so entlockt, bringt Entspannung in den Nachmittags.
Hier ein paar Vorschläge für Bindungsspiele, die du vor dem Erledigen der Hausaufgaben oder mittendrin mit deinem Kind spielen kannst:.
- Machtumkehrspiele: Du spielst das „Kind“, murrst am Tisch: „Müssen wir das echt machen?“, jammerst über die schwere Aufgabe. Dein Kind ist „Lehrkraft“. Oder ihr spielt ein anderes Machtumkehrspiel ganz ohne Schulbezug.
- Nonsensspiele: Tu so, als ob sich die Schultasche nicht öffnen lässt. Lass dich „vom Heft beißen“. Denke dir bei Schreibübungen absurde Beispielsätze aus.
- Kontingenzspiele: Statt Fehler zu markieren, reagierst du mit einem Geräusch oder einer Grimasse, wenn das Ergebnis einer Rechenaufgabe nicht passt – dein Kind merkt es und hat Spaß am Korrigieren. Das funktioniert auch beim Schreiben.
Sobald du Bindungsspiele in euren Nachmittag integriert hast, fallen dir und deinem Kind sicher noch viele weitere Variationen ein.
Lernspiele
Hausaufgaben müssen nicht bierernst sein. Kinder lernen leichter im Spiel. Es gibt viele kostenlose Programme und Lern-Apps. Die Kunst ist, das zu wählen, was jetzt passt. Gut finde ich beispielsweise die Übersicht bei den Spielen mit dem Drachen Lurs von der LegaKids Stiftung. In den meisten Lernapps sind Inhalte nach Fächern und Klassenstufen sortiert. Da aber Bildungspolitik Ländersache ist, stimmt das, was du in den Apps findest, nicht unbedingt mit dem Lehrstoff deines Kindes überein.
Es lohnt sich auch, Caroline von St. Ange zu folgen. Sie hat ein Buch über das Lernen lernen geschrieben (“Alles ist schwer, bevor es leicht ist”) und teilt auf Instagram regelmäßig spielerische Ansätze, um Kinder beim Lernen zu unterstützen. Das gute dabei ist, sie teilt Spiele, die du wunderbar auf den jeweiligen Lernstoff deines Kindes anpassen kannst. Den “Lupen, zu Sonnen machen”-Trick habe ich von ihr.
Baue Brücken zur Praxis
Wir lernen am besten, wenn Inhalte relevant sind. Suche echte Alltagssituationen, die Lernstoff greifbar machen.
Ungefähr einmal im Monat bin ich mit meinen Kindern für eine längere Zeit in einem Drogeriemarkt: Wir stehen dann zwischen den Regeln mit den Spielwaren und sie erzählen mir, was sie gerne kaufen möchten. Sie vergleichen die Preise und das Älteste rechnet: Wie viel Geld bleibt übrig, wenn es Spielzeug A und B kaufen würde? Und wie sieht es aus, wenn statt A Spielzeug C gekauft werden würde? Reicht das Taschengeld oder muss noch ein paar Wochen gespart werden?
Erinnerungszettel haben sich als eine gute Möglichkeit erwiesen, um mein Kind zum Schreiben zu motivieren. Wenn es möchte, dass ich etwas für es mache, dann bitte ich es, mir einen Erinnerungszettel zu schreiben. Gern verknüpft mit einem Mini-Machtumkehrspiel: Ich bin einfach so vergesslich! Wie schaffst du es nur, dir immer alles zu merken?
Diese beiden Beispiele zeigen, welche Brücken auch du bauen kannst, um Lernstoff (die öde, graue Theorie) mit dem echten, bunten Leben zu verbinden. Jedes Mal, wenn dein Kind die Verbindung sieht, wird es einen Aha-Moment haben. Und je mehr Aha-Momente da sind, desto leichter fällt das Lernen. Aha-Momente kannst du auch erschaffen, indem du Freizeitaktivitäten so gestaltest, dass sie mit dem aktuellen Lernstoff deines Kindes verknüpft sind.
Suche den Dialog mit der Lehrkraft
Wenn sich dein Kind und/oder du regelmäßig von den Hausaufgaben überfordert fühlen, dann suche das Gespräch mit der Lehrkraft. Wie eingangs erwähnt, sind Hausaufgaben als Unterstützung gedacht, nicht als Strafarbeit. Ein offener Dialog ermöglicht es, gemeinsam Lösungen zu finden – etwa, wenn bestimmte Aufgaben zu schwierig erscheinen oder wenn dein Kind Schwierigkeiten mit der Arbeitsweise hat. Vielleicht ist es auch nötig, klare Erwartungen und Grenzen abzustimmen, sodass sowohl du als auch die jeweilige Lehrkraft dieselbe Vorstellung von der Hausaufgabenbetreuung haben. Reden hilft immer!
Fazit: Entspannte Hausaufgaben sind möglich!
Hausaufgabenzeit muss kein Dauerkonflikt sein. Hausaufgaben erledigen kann entspannt ablaufen; durch Selbstreflexion, Growth Mindset und spielerischen Ansätzen nimmst du Druck raus.
Probier Neues aus: Vielleicht löst dein Kind Rechenaufgaben lieber in Bewegung. Vielleicht hilft Musik. Vielleicht tut deine Abwesenheit gut. Experimentiere und behalte, was funktioniert. Diese Veränderungen verbessern nicht nur das Lernen, sondern stärken eure Beziehung und bringen mehr Entspannung in euren Alltag.
Mach den ersten Schritt! Überlege, wie ihr eure Hausaufgabenzeit entspannter gestalten könnt. Teste eine spielerische Methode oder ein Bindungsspiel. Und wenn’s holpert, denk an die Haltung:
„Entspannte Hausaufgaben – das können wir NOCH nicht.“
Buchempfehlungen
Carol Dweck: Selbstbild (Thema Fixed und Growth Mindset)
Aletha Solter: Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte
Caroline von St. Ange: Alles ist schwer, bevor es leicht ist









Schreibe einen Kommentar