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Mit 9 Bindungsspielen lachend durch den Familienalltag

Mit 9 Bindungsspielen lachend durch den Familienalltag

Es ist einer dieser Tage. Du holst dein Kind aus der Kita und du hast noch einiges zu erledigen. “Ich will auf den Spielplatz!”, ruft dein Kind, als du es an die Hand nimmst, um noch schnell etwas fĂŒrs Abendessen zu besorgen. Du seufzt. Der Einkauf wird sicher eine Herausforderung. Kaum betretet ihr den Supermarkt, geht’s los: „Ich will das nicht! Ich will das nicht!“

Was wÀre, wenn du die Situation entschÀrfen könntest?

Bindungsspiele bieten dir eine wunderbare Alternative zu den ĂŒblichen Eltern-Reaktionen. In diesem Artikel erfĂ€hrst du, was Bindungsspiele sind, warum sie so wirkungsvoll sind und wie du sie in euren Alltag integrieren kannst.

Das Wichtigste in KĂŒrze:

  • Bindungsspiele sind spontane, interaktive AktivitĂ€ten, die NĂ€he, Sicherheit und Verbundenheit zwischen Eltern und Kind schaffen – ganz ohne Wettbewerb oder strenge Regeln.
  • Sie können helfen, Stress abzubauen, positive GefĂŒhle zu stĂ€rken und gemeinsame Alltagssituationen entspannter zu gestalten.
  • Kinder verarbeiten Ängste und innere Erlebnisse spielerisch. Das klappt umso besser, je mehr du als Elternteil mitspielst.
  • Es gibt verschiedene Arten von Bindungsspielen – z. B. Symbolspiele, Nonsensspiele, Trennungsspiele oder kooperative Spiele –, die du bewusst in verschiedenen Situationen einsetzten kannst.
  • Bindungsspiele gelingen am besten, wenn es dir gut geht.

Was sind Bindungsspiele?

Du hast bestimmt schon mal von der Bindungstheorie gehört. Sie besagt: Jeder Mensch – und vor allem jedes Kind – hat ein tiefes, angeborenes BedĂŒrfnis nach NĂ€he, Sicherheit und emotionaler Verbindung. Wenn wir als Bezugspersonen es schaffen, dieses BedĂŒrfnis regelmĂ€ĂŸig zu erfĂŒllen, entsteht etwas ganz Wunderbares: eine sichere Bindung. Und sie ist so etwas wie das unsichtbare Sicherheitsnetz deines Kindes. Sie gibt Halt, macht stark und ist das beste Fundament fĂŒr eine gesunde psychische Entwicklung.

Der Alltag mit Kindern ist nicht immer nur Ponyhof und Picknick. Da gibt’s WutanfĂ€lle im Supermarkt, TrĂ€nen beim Abschied in der Kita oder dicke Luft nach einem langen Schultag. Solche Situationen bringen nicht nur dein Kind aus dem Gleichgewicht – sondern auch dich. Und genau dann ist die große Frage: Wie reagierst du?

Eine Mama schreit ihr Kind an.
Eine Mama steht zwischen ihren Kindern und grĂŒbelt: wie kann ich NĂ€he zu meinen Kindern herstellen?

Ignorieren? Schimpfen? Grenzen setzen? Alles nachvollziehbar. Vor allem, wenn du selbst auf dem Zahnfleisch gehst. Aber seien wir ehrlich: Diese Reaktionen lösen keine Entspannung aus. Weder bei dir noch bei deinem Kind. Was stattdessen helfen kann, ist etwas ganz anderes – und fast schon Magisches: Spielen. Ja, wirklich.

Bindungsspiele – NĂ€he, die durchs Lachen entsteht

Die Entwicklungspsychologin Aletha Solter hat das Konzept der Bindungsspiele aufgegriffen und systematisch beschrieben (ihr Buch dazu heißt Spielen schafft NĂ€he – NĂ€he löst Konflikte). Die gute Nachricht: Du brauchst dafĂŒr kein besonderes Spielzeug und auch keine 30 Minuten freie Zeit am StĂŒck. Viele dieser Spiele passieren ganz von allein, im Alltag, mitten im Chaos. Du musst sie nur erkennen – und dich darauf einlassen.

Und was macht ein Bindungsspiel eigentlich aus?

  • Es ist interaktiv – ihr spielt miteinander, nicht nebeneinander her.
  • Es bringt Spaß und Lachen – ganz wichtig!
  • Es braucht keine zusĂ€tzlichen Anschaffungen – du und dein Kind reichen völlig aus (vielleicht wird noch Zubehör, das eh schon da ist, eingebunden).
  • Es gibt keine Gewinner oder Verlierer – es geht um Verbindung, nicht um Wettbewerb.
  • Es hat keine starren Regeln – euer Spiel, eure Spielweise.

Oft sind es die Kinder, die solche Spiele von sich aus initiieren. Wenn dein Kind dir Kuscheltiere auf den Kopf setzt oder mit ĂŒbertriebener Ernsthaftigkeit „Ich bin jetzt dein Lehrer!“ ruft – zack, Bindungsspiel. Und du hast die Wahl: mitmachen oder verpassen.

Also, worauf wartest du? Im nĂ€chsten Teil schauen wir uns an, warum diese Spiele so kraftvoll sind, was sie in deinem Kind (und dir!) auslösen – und wie du ganz leicht damit anfangen kannst.

Warum sind Bindungsspiele so wichtig?

Vielleicht fragst du dich jetzt: Was genau bewirken Bindungsspiele eigentlich – außer ein bisschen Lachen und Quatsch? Die Antwort ist: eine ganze Menge! Denn hinter dem scheinbar spielerischen Miteinander steckt echte Beziehungsarbeit. Und die wirkt sich nicht nur auf die Stimmung aus, sondern auch auf das, was in unseren Körpern passiert.

Immer dann, wenn wir Menschen positiv miteinander interagieren – also einander zuhören, gemeinsam lachen oder einfach Zeit miteinander verbringen – passiert im Körper etwas Faszinierendes: Oxytocin wird ausgeschĂŒttet. Dieses sogenannte Kuschelhormon sorgt dafĂŒr, dass wir uns verbunden fĂŒhlen, Vertrauen aufbauen und NĂ€he zulassen können. Gleichzeitig senkt es den Cortisolspiegel, also das Stresshormon, das uns sonst in den „Ich kann nicht mehr!“-Modus bringt.

Kurz gesagt: Spielen verbindet.

Bindung stÀrken

Gerade bei Babys ist es ganz selbstverstĂ€ndlich: Wir machen Grimassen, ahmen GerĂ€usche nach, spielen Guck-Guck oder fliegen sie durchs Wohnzimmer. All das sind klassische Bindungsspiele. Aber nur weil dein Kind Ă€lter wird, heißt das nicht, dass es kein BedĂŒrfnis nach NĂ€he mehr hat. Im Gegenteil! Auch Vorschul- oder Schulkinder (und ehrlich gesagt sogar Teenies) brauchen diese Momente der Verbundenheit – nur eben anders.

Im Alltag verlieren wir leider oft den Faden. Stress, Termine, Geschwister, Haushalt, Job – du kennst das. Und schwupps, lockert sich die Bindung zu unseren Kindern. Und sie spĂŒren das: Sie werden anhĂ€nglich, zappelig oder wĂŒtend. All das kann ein Hinweis darauf sein, dass die Verbindung gerade ein kleines Update braucht. Die gute Nachricht: Mit einem Bindungsspiel kannst du die Bindung jederzeit wieder auffrischen – wie dein Handy, das kurz ans Ladekabel muss.

Stress abbauen

Weißt du noch, wann du das letzte Mal so richtig aus dem Bauch heraus gelacht hast? Dieses Lachen, das die Schultern locker macht, die Sorgen kurz verschwinden lĂ€sst und sich einfach nur gut anfĂŒhlt? Genauso lachen Kinder und Erwachsene oft bei Bindungsspielen. Und das hat richtig gute Nebenwirkungen:

  • Cortisol sinkt
  • Endorphine steigen
  • die Stimmung wird leichter
  • und dein Kind (und du!) fĂŒhlen sich wieder in der eigenen Haut wohl

Übrigens: Auch ein wilder Wutanfall kann ein Zeichen dafĂŒr sein, dass dein Kind gestresst oder ĂŒberfordert ist. Nach dem Sturm folgt oft das Spiel – und mit dem Spiel das Lachen. Wenn du es schaffst, deinem Kind danach ein Spielangebot zu machen, in dem es sich sicher und gesehen fĂŒhlt, kann das wahre Wunder wirken.

Ängste spielerisch verarbeiten

Kinder sind Weltentdecker – aber manchmal begegnen sie Dingen, die ihnen Angst machen: Dunkelheit, Trennungen, ein blöder Spruch in der Schule, ein Streit mit der besten Freundin oder sogar ein Tier, das sie erschreckt hat. Solche Erlebnisse setzen sich fest, vor allem wenn Kinder noch nicht in der Lage sind, sie in Worte zu fassen.

Und hier kommen wieder die Bindungsspiele ins Spiel. Kinder verarbeiten ihre Ängste am liebsten spielerisch – in einem sicheren Rahmen und gemeinsam mit dir. Sie stellen die beĂ€ngstigende Situation nach, aber diesmal mit einem entscheidenden Unterschied: Sie sind dabei in der Kontrolle. Du bist da, spielst mit, bist prĂ€sent – und schaffst damit einen Raum, in dem Angst sich auflösen kann.

Vielleicht verwandelt sich der gruselige Arztbesuch plötzlich in eine Szene mit Kuscheltieren, die sich gegenseitig impfen. Vielleicht wirst du zur schnurrenden Katze, obwohl dein Kind gerade erst von einer gekratzt wurde. All das sind Wege, wie Kinder sagen: „Ich möchte mich damit beschĂ€ftigen – aber auf meine Weise.“

Welche Arten von Bindungsspielen gibt es?

Bindungsspiele sind so vielseitig wie unser Familienalltag – und genau das macht sie so wertvoll. Es gibt keine feste Anleitung. Aber es gibt verschiedene Spielarten, die sich an ganz bestimmten BedĂŒrfnissen orientieren. Je nachdem, ob dein Kind gerade NĂ€he sucht, Stress loswerden will oder einfach nur Quatsch machen möchte – fĂŒr jede Situation gibt’s das passende Spiel. Hier stelle ich sie dir vor:

Nicht-direktive Spiele

Hier bist du nicht der Spielleiter, sondern der Spiel-Begleiter. Du setzt dich einfach zu deinem Kind, beobachtest, was es spielt, und folgst seiner Fantasie. Frag gern: „Was spielst du?“ oder „Darf ich mitspielen?“ – aber dann gilt: Dein Kind bestimmt den Ablauf. FĂŒr diese Art von Spielen brauchst du Materialien, die die Fantasie anregen: Bauklözte, Puppen, Kuscheltiere, Hand- oder Fingerpuppen, Knete, Anziehsachen zum Verkleiden, Autos – lauter Dinge, die sich ganz sicher auch bei dir zu Hause finden lassen.

Diese Art des Spiels zeigt deinem Kind: „Ich sehe dich. Ich nehme dich ernst.“ Und ganz nebenbei entstehen oft tiefere Einblicke in das, was dein Kind gerade beschĂ€ftigt – manchmal auch belastet. Sei also nicht ĂŒberrascht, wenn plötzlich ein Streit mit der Kita-Freundin oder die Trennungsszene mit Playmobil-Figuren nachgespielt wird.

Symbolspiele

Symbolspiele helfen Kindern, belastende Situationen zu verarbeiten. Alles, was dein Kind beschĂ€ftigt – sei es das ZĂ€hneputzen, ein blöder Spruch auf dem Schulhof oder der erste Schwimmbadbesuch – kann im Spiel „nachgestellt“ und spielerisch aufgelöst werden.

Beispiel: Dein Kind hat Angst vorm ZĂ€hneputzen? Dann schnapp dir ein Kuscheltier und „putze“ dessen ZĂ€hne – und zwar ganz albern, mit ZahnbĂŒrste auf dem Bauch oder im Ohr. Und plötzlich wird aus Angst Lachen.

Kontingenzspiele

Diese Spiele funktionieren wie eine kleine Fernbedienung: Dein Kind macht etwas – und du reagierst auf lustige, vorhersehbare Weise. Wenn es z. B. ein Stofftier fallen lĂ€sst, sagst du laut „Aua!“ – immer und immer wieder. Kontingenzspiele können auch ohne Worte auskommen. Stupst dich dein Kind auf die rechte Wange, machst du ein fröhliches Gesicht, stupst es dich auf die linke machst du ein trauriges Gesicht. Du und dein Kind, ihr könnt euch weitere Bewegungsmuster ausdenken und weitere Körperteile mit einbeziehen. Unterwegs bei einem Spaziergang könnt ihr auch ein Kontingenzspiel spielen. Trage dein Kind Huckepack, und je nachdem auf welche deiner Wangen oder Schultern es dich tippt gehst du links oder rechts. Der Clou: Dein Kind bestimmt, was passiert, du folgst seinem „Knopfdruck“.

Das schafft Sicherheit und Kontrolle – gerade fĂŒr Kinder, die sich sonst oft ohnmĂ€chtig fĂŒhlen. Und es bringt eine ganze Menge Lacher.

Nonsensspiele

Jetzt wird’s albern! Bei Nonsensspielen geht es darum, bewusst Quatsch zu machen: Du setzt dir die Hose auf den Kopf, bringst Reime durcheinander oder deckst den Tisch komplett falsch. Dein Kind wird sich vor Lachen kringeln – und du vielleicht auch.

Diese Spiele helfen dabei, aufgestaute Emotionen abzubauen – sei es Frust, Wut oder Angst. Lachen ist hier die beste Medizin.

Trennungsspiele

Klingt widersprĂŒchlich, ist aber genial: Spiele wie Guck-Guck, Verstecken oder Fangen helfen deinem Kind, mit Trennungssituationen besser umzugehen. Sie zeigen: Auch wenn Mama kurz weg ist – es gibt ein schönes, sicheres Wiedersehen.

Wichtig ist der Moment des Wiedersehens: Sei da, freu dich ehrlich und zeig deinem Kind, dass es gesehen und geliebt wird.

Machtumkehrspiele

Im Alltag geben meist wir den Ton an – logisch. Umso befreiender ist es fĂŒr dein Kind, mal die Rolle zu tauschen. Du bist Tollpatsch, das Angsthase oder SchwĂ€chling – und dein Kind ist stark, mutig, klug.

Kissenschlachten, Erschreck-Spiele oder gespielte SchwĂ€che können helfen, GefĂŒhle von Frust und Hilflosigkeit abzubauen – und stĂ€rken ganz nebenbei das Selbstbewusstsein deines Kindes.

Regressionsspiele

Bei Regressionsspielen zeigt dein Kind ein Verhalten, das eigentlich zu einem jĂŒngeren Kind gehört. DreijĂ€hrige wollen beispielsweise wie ein Baby gewiegt werden, oder VierjĂ€hrige fallen in die Babysprache zurĂŒck. Das ist fĂŒr uns Eltern hĂ€ufig nervig, aber kein Grund zur Sorge. Dieser RĂŒckzug ist ein Bindungsimpuls. Dein Kind möchte testen: „Bist du noch fĂŒr mich da, auch wenn ich klein bin?“

Geh kurz mit in diese Phase. Wiege dein Kind, fĂŒttere imaginĂ€r, sing ein Schlaflied. Das schenkt Sicherheit – und macht Mut fĂŒr die nĂ€chsten Schritte in Richtung SelbststĂ€ndigkeit.

Außerdem sind Regressionsspiele besonders hilfreich fĂŒr Kinder, die Traumata (durch Trennung, VernachlĂ€ssigung oder Misshandlung) haben. Sie können durch Regressionsspiele die Aufmerksamkeit erfahren, die sie in frĂŒheren Lebensjahren gebraucht hĂ€tten.

AktivitÀten mit Körperkontakt

Körperkontakt ist Bindung pur. Und oft steckt schon in einfachen Alltagsspielen eine liebevolle BerĂŒhrung: auf den Arm nehmen, gemeinsam rutschen, HĂ€ndchen halten. Besonders schön ist das „Pizza-backen“-Spiel: Dein Kind liegt auf dem Bauch und wird zur leckeren Pizza, die geknetet, belegt und im „Ofen“ (unter der Decke) gebacken wird.

Solche Spiele helfen deinem Kind, sich im eigenen Körper wohlzufĂŒhlen – und schenken gleichzeitig Geborgenheit.

Kooperative Spiele

Nicht jedes Spiel muss einen Gewinner haben. Beim kooperativen Spielen geht es darum, gemeinsam etwas zu erreichen – z. B. einen Turm zu bauen oder beim Tischtennis den Ball möglichst lange in der Luft zu halten.

Das stĂ€rkt das GefĂŒhl von Zugehörigkeit und zeigt deinem Kind: „Ich bin wertvoll – auch ohne zu gewinnen.“ Kooperative Spiele erfĂŒllen den ganz natĂŒrlichen Wunsch, einen eigenen Beitrag zu leisten. Und nebenbei helfen deinem Kind, die eigenen und die StĂ€rken seiner Mitspieler zu erkennen. Es ergibt sich bei kooperativen Spielen hĂ€ufig, dass die Mitspieler sich dazu anspornen, ihr Bestes zu geben. 

Wie du Bindungsspiele richtig anwendest

Bindungsspiele sind keine starren Konzepte, die du nach Schema F abspulen musst. Im Gegenteil: Sie leben davon, dass du flexibel, aufmerksam und liebevoll reagierst. Es geht nicht darum, deinem Kind eine fertige Spielidee vorzusetzen, sondern darum, gemeinsam ins Spiel zu finden – und deinem Kind den Raum zu geben, der es braucht.

Lass dein Kind das Zepter ĂŒbernehmen

Klingt einfach, ist aber gar nicht so leicht umzusetzen: Beim Bindungsspiel sollte dein Kind bestimmen, wo es langgeht. Kinder wissen oft sehr genau, was sie brauchen – sie können es nur nicht immer klar sagen. Manchmal laden sie dich direkt zum Spiel ein („Mama, spielst du mit mir?“), manchmal geschieht es indirekt:

  • Dein zweijĂ€hriges Kind zieht die Socken an die HĂ€nde. ➜ Einladung zu einem Nonsensspiel.
  • Dein vierjĂ€hriges Kind fĂŒhrt sich wie ein Baby auf. ➜ Zeit fĂŒr ein Regressionsspiel.
  • Dein sechsjĂ€hriges Kind schießt mit einem imaginĂ€ren Gewehr auf dich. ➜ Mach dich bereit fĂŒr ein Machumkehrspiel.
  • Dein zwölfjĂ€hriges Kind beschwert sich ĂŒber den Punktestand beim Tischtennisspiel. ➜ Spielt eine kooperative Variante.

Wichtig ist: Du gehst mit. Du kannst natĂŒrlich auch selbst ein Spiel initiieren – achte dann aber darauf, ob dein Kind mitmacht. Wenn es nicht darauf anspringt, probiere etwas anderes aus oder geh einen Schritt zurĂŒck und biete ein einfaches, nicht-direktives Spiel an.

Manchmal wandelt sich das Spiel auch von ganz allein: Aus einem Nonsensspiel wird plötzlich ein Machtumkehrspiel. Oder dein Kind möchte nach zehn Minuten einfach etwas anderes tun. Das ist total in Ordnung. Vertraue dem Spielprozess – er muss nicht perfekt sein, nur echt.

Was, wenn du gerade keine Kraft hast?

NatĂŒrlich bist du nicht immer in Spiellaune. Und weißt du was? Das ist vollkommen okay. Du darfst das auch sagen. Unsere Kinder mĂŒssen nicht erleben, dass wir immer verfĂŒgbar sind – sondern dass wir ehrlich und verlĂ€sslich sind.

Sag also ruhig: „Ich kann jetzt nicht, aber spĂ€ter gerne.“ Und halte dich an dein Wort.

Oder: Binde dein Kind in das ein, was du sowieso machst. Beim WĂ€schefalten z. B. könnt ihr ein Spiel daraus machen, wer das coolste Sockenmonster findet. Spielen heißt nicht immer „auf dem Boden liegen“ – es heißt Verbindung herstellen.

Folge dem Lachen

Eine der besten Richtlinien beim Spielen: Folge dem Lachen. Echtes Kinderlachen ist wie ein inneres „Ja“ – ein Zeichen von Sicherheit, NĂ€he und Loslassen. Wenn dein Kind lacht, bist du auf dem richtigen Weg.

Aber achte auch auf die Zwischentöne: Ist das Lachen ehrlich? Oder eher nervös? Manchmal braucht es eine kleine Kurskorrektur – weniger ĂŒbertrieben spielen, weniger erschreckend spielen, weniger wild spielen. Du wirst merken, was passt.

Was du lassen solltest

Ein paar Dinge können das Bindungsspiel schnell kippen lassen – hier ein paar No-Gos:

  • Deutungen und Analysen wĂ€hrend des Spiels: Lass das Spiel einfach Spiel sein. Wenn du das BedĂŒrfnis hast, etwas zu „verstehen“, rede spĂ€ter mit einem Erwachsenen darĂŒber – nicht mit deinem Kind.
  • Kitzeln als Machtspiel: Auch wenn es Lachen auslöst, kann es dein Kind schnell in eine Ohnmachtsrolle bringen. Lieber ein Spiel mit bewusstem, sicheren Körperkontakt anbieten.
  • Belehrungen oder Korrekturen wĂ€hrend des Spiels: Wenn dein Kind in einem Symbolspiel eine Szene anders darstellt als sie „wirklich“ war, ist das okay. Es drĂŒckt damit seine innere Welt aus – nicht die RealitĂ€t.

Wann Spielen nicht dran ist

Spielen ist kraftvoll – aber nicht immer passend. Wenn dein Kind gerade sehr traurig ist oder wĂŒtend, braucht es deine NĂ€he, nicht dein Spielangebot. Sei einfach da, begleite es durch das GefĂŒhl.

Und wenn nach dem Spiel plötzlich TrĂ€nen fließen? Dann hat dein Kind vermutlich etwas losgelassen. Du hast nichts falsch gemacht. Im Gegenteil – du hast ihm einen sicheren Raum gegeben, um sich zu zeigen.

Wichtig: Wenn dein Kind ernsthafte traumatische Erfahrungen gemacht hat (z. B. Verlust, Missbrauch), kann Spielen unterstĂŒtzen – ersetzt aber keine professionelle Begleitung. Scheue dich nicht, Hilfe zu holen.

Was brauchst du, um dich wirklich auf Bindungsspiele einlassen zu können?

Bindungsspiele klingen toll, oder? Und sie sind auch toll – wenn du die Kraft, die Ruhe und die innere Bereitschaft hast, dich darauf einzulassen. Und genau das ist oft die grĂ¶ĂŸte Herausforderung. Denn ganz ehrlich: Wie oft fĂŒhlst du dich am Nachmittag wie ein ĂŒberfahrener WaschbĂ€r – platt, genervt, durch?

Gute Nachricht: Du bist damit nicht allein. Und: Du darfst auch zuerst auf dich schauen. Denn Bindungsspiele gelingen am besten, wenn es dir gut geht – oder du zumindest ein bisschen bei dir selbst angekommen bist.

Nimm deine BedĂŒrfnisse ernst

Elternsein bedeutet oft Geben, Geben, Geben. Und dabei verlieren wir unsere eigenen BedĂŒrfnisse schnell aus dem Blick. Schau mal ehrlich hin: Wann hattest du das letzte Mal



eine halbe Stunde nur fĂŒr dich?

ein richtiges GesprÀch mit deinem Partner?

einen Spaziergang ganz ohne Verpflichtungen?

einen Moment, um einfach mal zu atmen?

Wenn du dich um deine GrundbedĂŒrfnisse kĂŒmmerst – Schlaf, Essen, Ruhe, Austausch – hast du automatisch mehr Energie fĂŒr eine liebevolle Verbindung mit deinem Kind. Und ja, das ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig.

Schau auf deine eigenen Spielerfahrungen

Wie war Spielen in deiner Kindheit? Wurde mit dir gespielt? Durftest du albern sein, frei erfinden, loslassen? Oder war Spielen zweckgebunden, ernst oder gar nicht erwĂŒnscht?

Diese alten Erfahrungen wirken oft unbemerkt in uns weiter. Wenn du dich beim Spielen unwohl fĂŒhlst, schnell ungeduldig wirst oder das GefĂŒhl hast, „nicht gut genug“ darin zu sein – kann das mit deiner eigenen Kindheit zu tun haben. Das ist kein Vorwurf. Sondern eine Einladung, liebevoll hinzuschauen.

Vielleicht hilft es dir, ein paar Erinnerungen aufzuschreiben oder dich mit jemandem darĂŒber auszutauschen. Selbstreflexion ist kein Luxus – sie ist ein Geschenk.

Fang klein an – und schau, was zu dir passt

Du musst kein geborener Clown oder Animateur sein. Bindungsspiele brauchen keine perfekte Performance. Es reicht, wenn du echt bist. Fang klein an:

  • Eine Runde Guck-Guck auf dem Sofa
  • Eine Kissenschlacht, bei der du absichtlich verlierst
  • Ein Quatschlied beim ZĂ€hneputzen
  • Oder einfach still daneben sitzen und deinem Kind beim Spielen zusehen

Wichtig ist nicht, was ihr spielt – sondern wie: mit deiner vollen Aufmerksamkeit.

Du darfst auch mal Nein sagen

Du bist kein Entertainer auf Abruf. Du darfst sagen: „Jetzt nicht. Ich bin mĂŒde.“ Und das ist kein Bindungsbruch, sondern ehrliche Kommunikation. VerlĂ€sslichkeit entsteht auch dadurch, dass dein Kind lernt: Mama sagt, was sie meint. Und sie meint es liebevoll.

Wenn du dein Nein mit einem spĂ€teren Ja verbindest – und es dann auch einhĂ€ltst – entsteht daraus sogar Vertrauen.

Fazit: Du bist genug – auch beim Spielen

Bindungsspiele sind eine wunderbare Möglichkeit, dein Kind zu stĂ€rken, euch nĂ€herzubringen und den Alltag zu entlasten. Aber sie sind kein Maßstab dafĂŒr, ob du eine „gute“ Mutter bist. Du musst nicht perfekt spielen. Du musst nur bereit sein, dich darauf einzulassen.

Und das geht am besten, wenn du dich selbst nicht vergisst.

Vielleicht merkst du beim Lesen oder Ausprobieren: Da ist noch mehr. Vielleicht fehlt dir die Leichtigkeit. Oder du fragst dich, wie du all das im Alltag unterbekommen sollst. Dann ist mein Mama-Coaching genau das Richtige fĂŒr dich.
Dort bekommst du Raum fĂŒr deine Gedanken, Impulse fĂŒr mehr Verbindung im Familienalltag und ganz viel RĂŒckenwind fĂŒr deinen eigenen Weg. EinfĂŒhlsam, alltagstauglich, bestĂ€rkend.

Also: Hol dir, was du brauchst. Atme. Lach. Spiel. Und sei stolz auf jeden einzelnen Moment echter Verbindung. 💛

Wenn du magst, teile gern in den Kommentaren: Welches Bindungsspiel hat bei euch schon mal fĂŒr richtig gute Stimmung gesorgt? Oder was fĂ€llt dir beim Spielen noch schwer? Ich bin gespannt!

Bindungsspiele: HĂ€ufige Fragen

Was sind Bindungsspiele?

Bindungsspiele sind spontane und interaktive Aktionen mit deinem Kind, die NĂ€he und Vertrauen erzeugen. Sie kommen ohne spezielles Spielzeug oder feste Regeln aus.

Wer hat die Bindungsspiele erfunden?

Niemand. Unter dem Begriff “Bindungsspiele” hat die Entwicklungspsychologin Aletha Solter Spiel zusammengefasst, die sie bei Kindern unterschiedlichen Alters ĂŒber verschiedene LĂ€nder hinweg beobachtet hat. Sie hat die Arten der verschiedenen Bindungsspiele systematisch in ihrem Buch „Spielen schafft NĂ€he – NĂ€he löst Konflikte“ beschrieben. 

Welche Arten von Bindungsspielen gibt es?

Aletha Solter beschreibt 9 Arten von Bindungssspielen.

  • Kooperative Spiele
  • Nicht-direktive Spiele 
  • Symbolspiele
  • Kontingenzspiele
  • Nonsensspiele
  • Trennungsspiele
  • Machtumkehrspiele
  • Regressionsspiele
  • AktivitĂ€ten mit Körperkontakt
Muss ich spezielles Spielzeug haben, um mit meinem Kind diese Spiele zu spielen?

Nein. Die meisten Spiele entstehen spontan im Alltag; du brauchst nur dich und dein Kind (evtl. vorhandene Alltagsdinge). 

Was zeichnet ein Bindungsspiel aus?
  • Es ist interaktiv – ihr spielt miteinander, nicht nebeneinander her.
  • Es bringt Spaß und Lachen – ganz wichtig!
  • Es braucht keine zusĂ€tzlichen Anschaffungen – du und dein Kind reichen völlig aus (vielleicht wird noch Zubehör, das eh schon da ist, eingebunden).
  • Es gibt keine Gewinner oder Verlierer – es geht um Verbindung, nicht um Wettbewerb.
  • Es hat keine starren Regeln – euer Spiel, eure Spielweise.
Welche Wirkung haben Bindungsspiele auf Kinder?

Sie fördern emotionale Verbundenheit, bauen Stress ab und helfen, Ängste spielerisch zu verarbeiten.

Wie kann mein Kind beim Spielen Ängste verarbeiten?

Dein Kind stellt eine beÀngstigende Situation im Spiel nach. Allerdings mit dem Unterschied, dass es nun die Kontrolle hat und nicht ausgeliefert ist. Wenn du mitspielst und prÀsent bist, kannst du den Raum schaffen, in dem sich Angst auflösen kann.

So wird beispielsweise aus dem gruseligen Arztbesuch eine Szene mit Kuscheltieren, die sich gegenseitig impfen.

Welche Wirkung haben Bindungsspiele auf Erwachsene?

Auch Eltern erleben Entlastung im Spiel: Lachen wirkt stresslösend und stĂ€rkt die Beziehung. Außerdem bieten dir viele Spielsituationen einen tiefen Einblick in das, was dein Kind gerade beschĂ€ftigt. Durch das Mitspielen erfĂ€hrst du viel mehr als wenn du fragst “Wie war es heute im Kindergarten / in der Schule?”

Warum sind Bindungsspiele so kraftvoll?

Sie fördern die AusschĂŒttung von Oxytocin (dem „Kuschelhormon“) und senken gleichzeitig das Stresshormon Cortisol wodurch NĂ€he entsteht und Entspannung gefördert wird.

Gibt es Situationen, in denen Bindungsspiele nicht gespielt werden sollten?

Ja. Wenn dein Kind gerade sehr traurig oder wĂŒtend ist.

Wer schreibt hier?

  • Ulrike Wolf

    ist Mama-Coach, Mutmacherin und Möglichmacherin.

    Sie begleitet MĂŒtter dabei, aus dem Dauerstress des Alltags auszusteigen, ihre eigenen BedĂŒrfnisse wieder wahrzunehmen und echte Verbundenheit im Familienleben zu schaffen. Dabei greift sie auf eigene Erfahrungen als Mutter zweier Kinder, fundierte Coaching-Methoden und ihr Wissen zur Nervensystemregulation zurĂŒck.

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